Brian O’Doherty: Die Sänfte

Das Ding

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Fotografie: Chris Wiley

Es wirkte wie ein Schwan in einer Schar Gänse. Barbara Novak und ich kehrten immer wieder zurück, um den sanften Schwung des Rückens, des kräftig-eleganten Korpusʼ, die schmucken Seiten, das geheimnis­volle Wappen zu betrachten. Es war wahrscheinlich weiblich. Dort drin zu sein – ein wohltuend ungehöriger Gedanke. Bei Weitem überstieg es unsere finanziellen Möglichkeiten, die damals gegen Null tendierten. Wir hatten alles, was man braucht: Tisch, Stühle, Sofa, Bett – nichts als eine Ansammlung konkreter Substantive. Und wenig mehr. Das war 1965.

Bei einem der Besuche teilte uns der Besitzer des thrift shop mit, dass „unsere“ Sänfte an eine Dame aus der Park Avenue verkauft werden sollte. Sie wollte ihr Telefon hineinstellen, damit sie aus dem 18. Jahrhundert anrufen konnte. Ein solcher Frevel am Rokoko konnte nicht geduldet werden. Ob er bereit wäre, Monatsraten von 50 Dollar zu akzeptieren? Ja. Könnten wir sie gleich mitnehmen? Ja. So wurde denn dieses frühe Transportmittel seinerseits in unsere Wohnung transportiert. Dort stand es nun wie aufgebahrt: Putten frohlockten ihm zur Seite und schlugen ihre boucheresken Flügel, das Innere mit seinem schon etwas abgewetztem blauen Damast raunte leise. Man konnte meinen, die Mätresse Fragonards sei ihm gerade erst entstiegen.

Diese Extravaganz wirkte unserer klammen Lage entgegen. Solange die Sänfte ihren Duft verströmte, waren wir nicht wirklich pleite. Ruhig sah sie mir bei meinen Versuchen in Minimal Art und Konzeptkunst zu, und enthielt sich dabei jedweden Kommentars über eine Ästhetik, die ihren eigenen Reizen derart zuwiderlief. Jahrzehntelang reiste sie mit uns, ertrug klaglos Umzüge und kleinere Zumutungen. Stets war sie uns Sinnbild für Hoffnung und Heimat, ein Prüfstein der Eleganz.

Duchamp kam, und verbreitete, kaum dass er sich hineingesetzt hatte, sein gutmütiges Lächeln. Edward Hopper zwängte seinen gewal­tigen Leib hinein und schaute ebenso glücklich drein wie Duchamp. Mit großer Gleichmut nahm die Sänfte die unterschiedlichsten Besucher auf. Doch niemals leugnete sie ihre eigene Herkunft.

Sie sprach 18. Jahrhundert. Ich schrieb über Franz Mesmers berühmten Fall der Marie Therese Paradies (The Strange Case of Mademoiselle P. – Der sonderbare Fall des Fräulein P.) – die Sänfte hätte zu ihrem Hausrat gehören können. Und als ich mit dem Chevalier d’Eon de Beaumont reiste (The Crossdresser’s Secret – Das Geheimnis des Transvestiten), trug sie meinen Geist in eine Epoche, die sie großzügig mit mir teilte.
Übersetzt von Michael Müller

—von

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