Der Schaukasten

Das Ding

Wählen Sie einen einzelnen Gegenstand aus Ihrem Arbeits- oder Lebensumfeld, der für Sie von besonderer Bedeutung ist

Mein Atelier befindet sich in einer ehemaligen Fabrik in Bratislava, in der früher Tausende Arbeiter Garn hergestellt haben. Obwohl der Gebäudekomplex inzwischen voller Ateliers und Büros ist, haben sich noch viele Spuren seiner industriellen Vergangenheit erhalten. Eines Tages bin ich dort auf ein altes Regal gestoßen, das vermutlich einmal zur Produktpräsentation oder für dekorative Arrangements benutzt wurde. Es war in ziemlich ramponiertem Zustand, aber ich dachte, es würde sich noch gut als Regal für meine beiden Kinder machen. Sie sammeln gern kleine Gegenstände als Andenken.

Ich habe aus dem Regal eine Art Skulptur gemacht und es in unserem Wohnzimmer an die Wand gehängt. Doch es erfüllt dort auch die Funktion einer Miniaturwand mit kleinen Kunstwerken und winzigen Gegenständen, die wir vorher in Schuhkartons oder Schubladen aufgehoben haben, und die als Erinnerung an die Reisen meiner Familie einen bestimmten Wert haben. Man sieht ein paar kleine Skulpturen aus Panama, einen zusammengerollten Geldschein mit Maos Konterfei, eine unbenutzte Farbbandrolle für Schreibmaschinen, eine Schachtel mit rationierten Zigaretten der Marke Sputnik – das Geschenk eines Kurators – und ein Nummernschildchen, das Teil meiner Arbeit Zone (2010) ist: einer riesigen Garderobe, in der es 1600 nummerierte Schildchen gab – und ein Ersatzschildchen, das hier im Regal gelandet ist. Auch wenn dieses Regal Spuren meiner künstlerischen Arbeit enthält, wird es nie selbst zum Kunstwerk werden. Es mit Gegenständen zu füllen, ist eine Unternehmung, die ich mit meinen Kindern und meiner Partnerin teile. Irgendwie sind wir richtig süchtig danach geworden, diese Kleinigkeiten von unseren Reisen mitzubringen und sie neben die anderen Sachen zu stellen.

Ich betrachte gern Sachen, die es mit Computerbildschirmen und anderen digitalen Bildträgern aufnehmen können. Wenn ich mich an ihnen sattgesehen habe, dann schaue ich mir das Regal an und alle diese winzigkleinen Objekte darin. Schon ein flüchtiger Blick wirkt auf mich, als schaute ich aus einem Fenster, so viel spielt sich auf diesen Regalbrettern ab. Das Regal zu betrachten, ist einfach ein Genuss. Vielleicht sucht man ja nach unterschiedlichen Sammelobjekten, wenn man älter wird. Vielleicht ist es auch nur eine andere Art von Erholung.

Meine Absicht ist, auf jedem Brett des Regals Gegenstände anzuhäufen, bis das Regal ganz gefüllt ist. Was Sie hier sehen, ist also ein unvollendetes Work in progress. In zwei, drei Jahren wird das Ganze wahrscheinlich schon sehr abenteuerlich anmuten. Eines Tages, wenn alle Bretter gefüllt sind, werde ich mich woanders nach einem weiteren Regal umschauen.
Übersetzt von Clemens Krümmel

—von Roman Ondák

Roman Ondák lebt und arbeitet in Bratislava. 2009 repräsentierte er auf der 53. Biennale di Venezia die Slowakei im tschechischen und slowakischen Pavillon. Seine Einzelausstellung in der Deutschen Guggenheim – im Rahmen des „Künstler des Jahres“-Preises – eröffnet am 26. April 2012.