Dorothy Iannone: Echtachromes

Das Ding

Wählen Sie einen einzelnen Gegenstand aus Ihrem Arbeits- oder Lebensumfeld, der für Sie von besonderer Bedeutung ist

Fotografie: Elizabeth Skadden

Aus meinen Besitztümern einen besonders bedeutsamen Gegenstand auszusuchen, war gar nicht so leicht. Auf der Suche nach dem ganz und gar unverzichtbaren Objekt durchstreifte ich mein Zimmer, doch ich konnte nichts finden, dessen Verlust mir nicht nur Trauer, sondern absolute Höllenqualen bereiten würde. Bis mein suchender Blick in den Regalen meines Lagerraums auf zwei Kartons fiel, die Echtachromes eines Großteils meiner Werke der vergangenen 50 Jahre enthalten, vor allem aus den 1960er, 70er und 80er Jahren. Viele dieser Werke sind nur ein einziges Mal vor langer Zeit ausgestellt worden und sind meinem neuen Publikum unbekannt. Die meisten befinden sich nicht mehr in meinem Besitz. Bei manchen weiß ich noch nicht einmal, wo sie sich befinden.

Die Echtachromes sind die Zeugen, der Beweis dafür, dass dieses Werk, das inzwischen teilweise als praktisch verloren gelten muss, überhaupt je geschaffen wurde. Sie sind dessen Existenznachweis. Und wenn es inzwischen tatsächlich möglich ist, mein Werk – wie ich kürzlich gelesen habe – als einen Bildungsroman zu verstehen, dann ist, um im Bild zu bleiben, die Kenntnis der authentischen Urschrift unerlässlich. Es bräche mir das Herz, wenn sich die Ergebnisse meiner lebenslangen Bemühungen nicht mehr in ihrer Gesamtheit präsentieren ließen. Und diese Gesamtheit hängt in großen Teilen vom Inhalt dieser beiden Kartons ab.
Übersetzt von Clemens Krümmel

—von Dorothy Iannone

Dorothy Iannone ist eine amerikanische Künstlerin und lebt seit 1976 in Berlin. Sie hat unter anderem an Einzelausstellungen im Sprengel Museum, Hannover (2005), in der Kunsthalle Wien (2006) und im New Museum, New York (2009) sowie an der 4. Berlin Biennale 2006 und der Whitney Biennale 2006 teilgenommen. Ihre nächste Einzelausstellung eröffnet im März 2012 bei Peres Projects, Berlin.