Seit mehr als 40 Jahren sammelt Hans-Peter Feldmann Bilder, um daraus sein eigenes persönliches Archiv zu schaffen
1968 gab Hans-Peter Feldmann die Malerei mit der Begründung auf, dass Fotografien völlig ausreichend für die Vermittlung seiner künstlerischen Idee seien. Bereits als Zwölfjähriger hatte er mit dem Fotografieren angefangen. Später sollte es sein bevorzugtes Medium werden – „weil es so einfach ist.“ Seit den 1970er Jahren sammelt, archiviert und arrangiert er nun Bilder, selbst aufgenommene genauso wie in Fotoalben, Zeitungen und Zeitschriften gefundene. Vertraute und alltägliche Motive bilden das vielfältige Repertoire seines ständig wachsenden Bilderfundus, der amateurhaftes und professionelles, privates und öffentliches, fremdes und eigenes Material gleichermaßen beinhaltet.
Im Prinzip ist Feldmann ein Sammler und schon für seine erste Werkgruppe, die „Bilderhefte“, die zwischen 1968 und 1974 entstanden, trug er Bilder zusammen und ordnete sie. Die „Bilderhefte“ sind kleine, klammergeheftete Broschüren unterschiedlichen Formats in grauem Karton-Einband, deren gestempelte Titel der Anzahl ihrer Abbildungen entspricht (z.B. 3 Bilder oder 5 Bilder). Schwarzweiß auf Offsetpapier gedruckt, bringen sie unkommentiert Phänomene der alltäglichen Lebenswelt wie Flugzeuge, Bergpanoramen, Tiere, Frauenknie oder Filmstars zusammen. Für viele der Serien machte Feldmann zunächst unzählige Fotos, bevor er schließlich eine kleine Auswahl für die Hefte traf. Mit dem Blick eines intensiven Beobachters widmet sich Feldmann mindestens ebenso sehr den Bildern selbst wie der Wirklichkeit – ganz so, als wolle er die ihnen zugrunde liegende Grammatik zwischen Abbild und Eigenleben erforschen. Laut Feldmann bedürfen Bilder keiner Beschreibung oder zusätzlichen Information und auch in seiner eigenen Arbeit verzichtet er konsequent auf Bildunterschriften. „You get what you see“, so sein Motto, wie man auch auf diesen Seiten sehen kann. Und das tritt vielleicht nirgendwo deutlicher zutage als in Feldmanns lange gehegtem Wunsch, einmal eine große Tageszeitung gänzlich von Text zu entledigen. Das Wiener Wochenmagazin Profil nahm den Vorschlag im Jahr 2000 schließlich an und druckte eine gesamte Ausgabe ohne Worte. Allein die Bilder sprechen, unhierarchisch und absichtslos. In Profil Nr. 6 vom 7. Februar 2000 finden sich sämtliche redaktionell ausgewählten Bilder ohne ihre dazugehörigen Legenden und Artikel abgedruckt. Auf dem Titelblatt waren Jörg Haider und Wolfgang Schüssel beim Ratifizieren des Koalitionsvertrages zu sehen – dank Feldmanns Intervention jedoch ohne die zweideutige Schlagzeile „Die Schande Europas“.
In anderen Arbeiten zeigt sich Feldmann weniger offensichtlich politisch und setzt eher auf die Spannung des Seriellen. Wie beim Filmschnitt führen seine Zusammenstellungen von zwei oder mehreren Abbildungen zu einem neuen Bild, das hinter dem tatsächlich Dargestellten des konkreten Einzelbildes liegt, und bilden eine Geschichte, die abhängig von den eigenen Erinnerungen und Erfahrungen im Kopf des Betrachters entsteht. Porträt (1994) zum Beispiel ist eine Auswahl von Bildern aus dem Fotoalbum einer Frau, die im Laufe eines halben Jahrhunderts entstanden sind (von 1943 bis 94). Die Arbeit dokumentiert einerseits die persönliche Geschichte eines Lebens und ist gleichzeitig Zeitzeugnis einer historischen Umbruchphase vom Nachkriegselend zum blühenden Wirtschaftswunder. Intimes und Privates mischt sich in diesen „Schnappschüssen“ mit kollektiven Erinnerungen an die deutsche Geschichte, ablesbar an Kleidung, Autos und anderen Statussymbolen, aber auch an der Veränderung von Verhaltensweisen, beispielsweise durch eine größere Freizügigkeit und Offenheit beim Zeigen von Intimem ab den 1970er Jahren. Die Fotos repräsentieren in ihrer Schablonenhaftigkeit (der erste Schultag, Posen mit dem Freund, am Strand oder vor fremdländischen Sehenswürdigkeiten) stets stereotype Motive der jeweiligen Zeit und entsprechende gesellschaftliche Klischees.
Auch Alle Kleider einer Frau (1974) ist eines dieser Werke, die mit dem Moment des Seriellen arbeiten und als Zeitzeugnis lesbar sind. Die 72 Schwarzweißfotografien zeigen isoliert aufgenommene Kleidungsstücke und inventarisieren dabei einerseits nüchtern einen Kleiderschrank, vermitteln andererseits aber auch ein durchaus melancholisches Gefühl, da die eigentliche Protagonistin der Arbeit – „die Frau“ – abwesend ist. Der Titel lässt offen, ob es sich tatsächlich um alle Kleider einer bestimmten oder die irgendeiner Frau handelt. Die Bilder funktionieren hier nicht als Beweis einer Aussage, im Gegenteil: Sie sind auf verschiedene Weise interpretierbar und die wenigen Worte sind so gewählt, dass sie diese Offenheit noch unterstreichen. „Feldmann befreit seine Kunst von jeder Referenzlage. Sie determiniert sich, ihre Erfahrbarkeit selbst. Das Vorhandene (Triviale) geht im Kunstwerk auf; das Kunstwerk geht in seiner eigenen Konstitution auf; es wird zur Wirklichkeit, wie jede andere auch.“1
Der technische Wert der Fotografie spielte in Feldmanns Arbeiten von Anfang an keine Rolle. Es geht ihm nicht um das Objekt, sondern um die Inhalte, die Eindrücke und Gefühle, die sich mit den Bildern verknüpfen. Und dass er dem Kunstbetrieb 1980 den Rücken kehrte, lag auch daran, dass er sich unverstanden fühlte. „Man sprach nur über die Form, nicht aber über den Inhalt meiner Bilder. Mir ging es aber um die Bilder. Die armselige Form entsprang einfach den Gegebenheiten der Zeit. Ich hatte kein Geld, es anders zu machen.“ Feldmann, der sich neuerdings als „Rentner“ und nicht mehr als „Kaufmann“ bezeichnet, wie er das lange Jahre getan hatte, produzierte in den folgenden Jahren Spielzeug und betrieb in der Düsseldorfer Altstadt Läden für Geschenkartikel, Souvenirs und Antiquitäten. Seine Arbeit, so sagt er, setzte er in dem Zeitraum einfach in einem anderen Kontext fort und bewahrte sich dadurch seine Unabhängigkeit. Der Einschnitt fühlte sich für ihn nicht so drastisch an, wie er heute rezipiert wird. „Damals war die Kunst eine Nebenbeschäftigung wie viele andere.“ Seine unsignierten und unlimitierten Bilderhefte entsprachen schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens in keiner Weise einem auf Verknappung angelegten Markt. Auch heute noch signiert Feldmann seine Arbeiten nicht und fertigt bewusst Editionen und unzählige Kopien seiner Werke an. Vom Bildbesitz hält er nicht viel, sein demokratisches Kunstverständnis geht davon aus, dass sie ohnehin allen gehören. „Wenn ich einen Van Gogh kaufen würde, wäre das ja nicht meiner. Der gehört jedem. Das ist, als würden Sie ein Klavier kaufen und darauf Beethoven spielen. Leinwand und Farben sind egal. Es ist die Erinnerung, die zählt. Unsere Projektion ist das, was bleibt.“
Was er damit meint, wird besonders in der Installation Schattenspiel (seit 2002) deutlich. Spielzeugfiguren und allerlei „Nippes“ sind hier auf mehreren kleinen Karussellen arrangiert und werfen, jeweils vor einer Lampe platziert, ihre Schatten in immer neuen Kombinationen an die Wand. Dass das Schattenspiel seine eigenen Produktionsbedingungen offenbart, taugt hier als Sinnbild für Feldmanns künstlerische Praxis schlechthin: das Entwerfen immer neuer Bilder durch immer neue Anordnungen und Konstellationen und das Öffnen immer neuer Fenster zur Welt. Feldmanns Werke, das Schattenspiel genauso wie die frühen „Bilderhefte“, offenbaren einen Raum für Projektionen. Worte dagegen, meint er, „schreiben nur das Denken vor.”
Feldmanns Arbeiten bestechen nicht nur durch ihre ästhetische und konzeptuelle Einfachheit, sondern auch durch den besonderen, nicht simplifizierenden Blick, den er auf die scheinbar banalsten Dinge und seine Umwelt im Allgemeinen hat. In einem 1972 geführten, aber damals nicht erschienenen Interview mit der Zeitschrift Avalanche antwortete er auf die Fragen des Herausgebers ausschließlich mit Bildern. Die überdimensional großen Augen einer Frau auf einem Werbeplakat und die daran vorbeilaufenden Passanten waren Feldmanns Antwort auf die Frage, welcher Aspekt der wichtigste in seiner Arbeit sei. Schauen, beobachten, auch „scannen“ könnten adäquate sprachliche Übersetzungen sein. Doch Feldmann ist kein Freund von Worten. Er ist ein Bildereuphoriker.
Natürlich kann heute jeder Facebook- User seine persönliche Bildwelt im Internet verfügbar machen. Wenige Mausklicks führen zu intimsten Fotoalben und eine Suchmaschine wie Google stellt unzählige Bilder sofort bereit und ordnet sie thematisch. Es scheint, als sei, was bei Feldmann stets konzeptuelle Entscheidung war, längst konsensuelle Kulturtechnik geworden. Die Arbeit die er seit den späten 1960er Jahren mühevoll mit der Hand vollbringt, leistet das Netz scheinbar in Sekundenschnelle. Die Bilder aber, die durch die Nutzung von Internetsuchmaschinen zutage gefördert werden, sind in Feldmanns Augen nicht die richtigen: „Sie gefallen mir nicht. Das sind Werbefotos, eine wuchtige Welt von Fotos, die ich nicht vertrage. Papier ist meine Welt.“ Feldmanns Kombinationen von Bildern sind sorgsam überlegt, nichts daran ist dem Zufall überlassen, denn hinter jeder Auswahl steht die individuelle Entscheidung des Künstlers. Seine Bilder sind anders gefiltert, als eine Suchmaschine wie Google das je könnte (oder wollte). Die Maschinen suchen nach ökonomischen Kriterien, sie funktionieren. Dies setzt immer die Versprachlichung des Bildes voraus – das heißt: Man findet kein Bild, ohne vorher Worte eingetippt zu haben. Die Bildersuche im Internet funktioniert letztlich wie ein Schlagwortregister am Ende eines Buches – auch wenn es mittlerweile möglich ist, ein vorhandenes Bild direkt per drag & drop in das Suchfeld zu ziehen, in das sonst Begriffe eingetippt werden. Die aktuellen Ergebnisse beschränken sich jedoch hauptsächlich auf Ähnlichkeiten von Formen und Farben und führen nicht annähernd zu einem inhaltlich sinnstiftenden Treffer. Solche Vorgehen sind mit dem Feldmanns schon deshalb nicht in Einklang zu bringen, da der Künstler erst weiß, wonach er gesucht hat, wenn er das entsprechende Bild gefunden hat: „Die Suche nach dem einen Bild ist das, was mich antreibt, ohne zu wissen, was darauf ist. Bilder passieren einem und ich bin offen dafür, gefunden zu werden.“
—von Elodie Evers
1 aus: Werner Lippert, Hans-Peter Feldmann. Das Museum im Kopf, Köln 1989, S. 59