Laptops, Loops und Körperbewegungen
If You Leave, Walk Out Backwards, So I’ll Think You’re Walking In, 2012, Ausstellungsansicht
Der eigentümliche, unterschwellig leidenschaftliche Tonfall des Titels zu Hannah Weinbergers Einzelausstellung, die zu Beginn des Jahres 2012 in der Kunsthalle Basel stattfand, führte in gewisser Weise in die Irre. Mit seiner sehnsuchtsvollen Ansprache eines geisterhaften Du – When You Leave, Walk Out Backwards, So I’ll Think You’re Walking In (Wenn Du gehst, dann geh’ rückwärts hinaus, so dass ich denke, dass Du gerade den Raum betrittst) – suggerierte er mehr Schwermut, als der Praxis der jungen Schweizer Künstlerin eigentlich eigen ist. Hatte man ihre fünf provozierend kargen Räume in der Kunsthalle durchschritten – sie enthielten neben ein paar weißen Vorhängen (zur Echodämmung) ein Arrangement aus schlanken, skulptural wirkenden schwarzen Lautsprechern, aus denen unterschiedlichste Klänge drangen –, dann stellte man fest, dass der Ausstellungstitel eher im Sinne eines Wortspiels zu verstehen war. Er funktionierte eher als Spiegelung der plan- und ziellosen Bewegungen der Körper der Betrachter, mit denen sie sich Weinbergers zugleich vertrauten und fremdartigen musikalischen Kompositionen zu nähern versuchten. Und wer den Ausstellungstitel als verhaltenen Fingerzeig in Richtung eines idealen Betrachter-Zuhörers begriff – einen, der nie fortläuft oder die Rezeption des Werks einstellt –, lag auch nicht falsch.
Weinbergers Interesse an den Anderen – als Rezipienten oder Mitwirkenden – ist kennzeichnend für ihr gerade erst im Entstehen begriffenes Werk, in dem Fragen der Rezeption, Partizipation und Serialität eine wichtige Rolle spielen. In frühen Arbeiten setzte sie ihre Stimme für einfache Gesänge ein, die zum akustischen Begleiter der Werke anderer Künstler in Gruppenausstellungen wurden. Für die Ausstellung Slip Snip Trip, die 2010 bei Karma International in Zürich stattfand, schuf Weinberger einen zurückgenommenen Soundtrack, der aus wenigen, in ständiger Wiederholung gesungenen Noten bestand, die sie dennoch als zwei kontrapunktisch gedachte Tracks aufnahm. Im so entstehenden süßlich hypnotischen Loop gelang es Weinberger, zugleich strengen Formalismus und launischen Feminismus aufzurufen und einen intimen Zusammenhang zu den umgebenden Werken zu stiften. Bei der für die Gruppenausstellung Corso Multisala in der Kopenhagener Kunsthal Charlottenborg hergestellten Arbeit Land of La (2011) hörte man sie Annie Halls Lieblingssilbe trällern. Mit einem unaufhörlichem „la“ gelang es ihr – und dies mit nur zwei Buchstaben – die exakt gleiche schmerzhaft verlegene Sorglosigkeit zu vermitteln, um deren Beschwörung und Beschreibung sich der Rest der Gruppenausstellung so angestrengt zu bemühen schien.
Dennoch sind Weinbergers bekannteste Arbeiten keine allein geschaffenen Werke. Im Jahr 2009 führte sie an der Zürcher Hochschule der Künste ihr Interdisziplinäres Konzert auf. Dazu wurden lange Tische im Rechteck angeordnet; an ihnen nahmen Weinbergers Freunde Platz, jeder mit einem MacBook ausgestattet. Im trübe sprenkligen Licht einer Discokugel glommen die Apple-Logos der Computer wie eine Konsumentenarmada. Die vornehmlich jungen, männlichen Performer – was für eine Menge von in Bildschirme versunkene Köpfe! – improvisierten unter Weinbergers unaufdringlichem und doch bestimmtem Dirigat mit dem Programm GarageBand. Der überwältigende visuelle Eindruck ließ sich vom Klang selbst nicht trennen, der trotz des improvisierten Charakters der ganzen Sache merkwürdig harmonisch klang. Weitere Konzertveranstaltungen in derselben Besetzung – die zum Umfeld des Projektraums New Jerseyy und der Galerie Karma International zu zählen sind – folgten. In Werken wie Jam Session und Corso Multisala (beide 2011) begann Weinberger anstelle von Laptops Instrumente wie Saxofon, Trompete oder Marimba zu verwenden.
Dennoch bleiben die Folgen der Digitalisierung – die leicht zu bedienenden künstlerischen Werkzeuge, Distributionskanäle und die allesfressenden sozialen Netzwerke, die sie geboren hat – rhizomatischer Ursprung von Weinbergers Praxis. Man denke hier nur an die Titel ihrer frühesten Arbeiten Social Network (2009) oder Google (2008–10). Für ihre Ausstellung in der Kunsthalle Basel komponierte sie entsprechend auf ihrem Laptop und unter Verwendung von Presets als Ausgangsmaterial 22 Stunden Musik. Die Ergebnisse – abgespielt über verschiedene Lautsprecher in elf Loops, allesamt im Viervierteltakt mit einer dem Herzrhythmus nahe kommenden Geschwindigkeit zwischen 80 und 140 bpm – bilden eine Serie beruhigender, sich wiederholender und beinahe klischeehafter Klänge von der Jazzgitarre über Rumba- bis zu Ambient-Musik. All diese Sounds werden als vertraute Hintergrundberieselung an kommerziell oder in der Freizeit genutzten Orten zur atmosphärischen Untermalung verwendet. Fügt man sie jedoch zu einem gespenstischen Labelstore (ohne materielle Logos) zusammen, klingen sie, so plötzlich in den Vordergrund gerückt, sehr merkwürdig. Dieses dialektische Hin und Her zwischen Hinter- und Vordergrund ist charakteristisch für die Ausstellung, und führt zu weiteren Gegensatzpaaren: Einzelerfahrung gegen Gruppenerfahrung, Realität gegen Virtualität, das Materielle gegen das Immaterielle, Skulptur (in Gestalt der modernistisch aussehenden Lautsprecher) gegen Theater (die nüchternen, dabei aber doch theatralischen Vorhänge).
Bei “When You Leave, Walk Out Backwards, So I’ll Think You’re Walking In”, ihrer ersten Einzelausstellung, scheint Weinberger den für ihr künstlerisches Netzwerk in der Schweiz und anderswo typischen zwanghaften Kollaborationsimpuls hinter sich gelassen zu haben. Dennoch hängt ihr ortsspezifisches Werk genau von jenen Betrachterkörpern ab, die, wie der Titel es schon benennt, ihre Räume bevölkern und sich in ihnen bewegen. Scheinbar ohne große Mühe hat Weinberger die traditionell auf sozialdienliche Architektur geeichten Räume der Kunsthalle mit jener Hochgeschwindigkeits-Diskursivität und Inhaltsfrequenz virtueller Kommunikation überflutet und dabei gewissermaßen das Immaterielle (klanglich) materiell werden lassen. Auf diese Weise fallen die historischen und zeitgenössischen sozial-künstlerischen Bewegungen, aus denen sich Weinbergers Werke nähren und die sie beschreiben, mit eben jener sozialen Bewegung zusammen, zu der sie ermutigen wollen. Um dies festzustellen, genügt ein Blick auf die anderen Körper, die in den Galerien neben dem eigenen lauschen, sich bewegen und sich schließlich transformieren. Beständig werden sie, wie in einem Loop, in die Bedeutungsproduktion miteinbezogen.
Übersetzt von Clemens Krümmel
—von Quinn Latimer
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