Kettenstich

Monographie

Alexandra Bircken verstrickt gefundene Materialien und weggeworfene Objekte zusonderbar anthropomorphen Skulpturen

Chariot, 2012, mixed media, (courtesy für alle Bilder: die Künstlerin; BQ Berlin; Herald St, London, und Kimmerich, New York)

Ein großes Stück Kettengeflecht steht an die Wand gelehnt. Die gitterartig verschlungenen Stahlschleifen glitzern im Sonnenlicht, das durch die hohen spitzbogigen Fenster der fast leeren ehemaligen Kapelle einfällt. Den Windungen des Metalls zu folgen, stelltdie Konzentrationsfähigkeit auf die Probe. Die schlichte repetitive Struktur im Kleinen steht in krassem Widerspruch zum visuellen Lärm der Arbeit im Ganzen, die dröhnend nach Aufmerksamkeit heischt. Kaskadierend scheinen die Verbindungen der Elemente wie in einer Matrix herabzuströmen oder auch horizontal zu verlaufen, wie in endlosenReihen des Buchstabens „O“, wenn die entsprechende Taste auf der Computertastatur hängen bleibt. Vor dieser Arbeit, Uknit S.V. (2011), liegen Spiegelleisten aneinandergereiht in der Mitte des Raums (Abyss, 2011). Zwei quadratische Öffnungen in der Ober­fläche durchbrechen das gespiegelte Bild der Raumdecke und tun so, als seien sie Luken im Dach selbst. Die klaren minimalistischen Linien des in Leisten zerteilten Spiegels beißen sich mit der visuell dissonanten Szenerie der ornamental geschmückten Decke, die sich in ihm spiegelt. Geschwärzte Balken und Gesimse überlagern die klare Schlichtheit der Bodeninstallation.

Ausstellungsansicht Studio Voltaire, 2011

Die in Köln arbeitende KünstlerinAlexandra Bircken hat offenkundig Freude an solchen changierenden Kontrasten zwischen einfachen Einzelelementen und einem durch Wiederholung erzeugten – und umso verworreneren – Gesamtwerk. Man beachte etwa den Titel des Kettengeflechts, Uknit, ein Wortspiel mit dem abstrakten Begriff „unit“ (Einheit) und dem konkreten „You knit“ (du strickst). Oft verwendet Bircken das Motiv der ineinander verschlungenen Strickmaschen. Sie konstruiert individuelle Werke mit sich wiederholenden Motiven, bringt die mechanischen Handgriffe des Handwerks zum Einsatz und schafft mit ihnen doch autonome Skulpturen. Für ihre bildhauerischen Werke stöbert die Künstlerin auf dem Dachboden und in den Kellern der Kunstgeschichte nach verwertbarem Material – sie bedient sich der Assemblage, des Minimalismus, der Installationskunst und der Skulptur der Moderne, mit beiläufigen Verweisen auf Praktiker der Vergangenheit und Gegenwart. Birckens Arbeit wurde bereits mit Joseph Beuys, Eva Hesse, Isa Genzken, Ernesto Neto und Rosemarie Trockel ver­glichen. Wo Beuys stets dem Filz die Treue hielt, sind es bei Bircken Stricken, Weben, Stoff – also eher Techniken, die mit Modezu tun haben. Das hat einen durchaus bio­grafischen Hintergrund: Bircken hat am Central Saint Martins College in London in den frühen 1990er Jahren nicht freie Kunst, sondern Modedesign studiert.

Pferdchen, 2008, mixed media

Ihre Ausstellung, die 2011 im Studio Voltaire in London zu sehen war, umfasste nicht nur die Arbeiten Uknit 2 und Abyss in kühlem Stahl und Spiegelglas, sondern auch Arbeiten, die eher an handgestrickte Stoffe und Kleidungstücke erinnerten. Sie klemmten oder klebten in der Nähe der Raumecken, hielten auch physisch gebührenden Abstand zu den Spiegeln auf dem Boden, obwohl sie, wie die Decke, je nach Standort des Betrachters in diesen ebenfalls gespiegelt waren. Birch Field (2011) – verbundene, mit Birkenzweigen gestrickte Stoffquadrate mit Mörtel – ragten gegenüber von Uknit 2 aus der Wand. Die schachbrettartig angeordneten Segmente weisen unterschiedlich große Löcher auf, die an Nistkästen für Vögel und an ein Spielhaus für Kinder gleichermaßen denken lassen. Die Arbeit Knochen (2011) auf einer Treppe in der Ecke sah ebenfalls aus, als habe Bircken sie in einem nahegelegenen Waldstück aufgelesen. Aus der Ferne wirkte sie wie eine Meeresschnecke, von Nahem eher wie ein vertrockneter Bienenstock –in Wirklichkeit besteht das Stück aber aus einem gestrickten und in Bronze gegossenen Klumpen.

Bircken liest Materialien in der Natur auf, flickt und heftet sie zusammen, und bastelt so aus weggeworfenem Krempel Neues. Ihre Skulpturen und Assemblagen werden bevölkert von einem bunten Sammelsurium an Krimskrams, Schrott und sonstigem Zeugs. Soul lution (2010) – schon wieder ein Wortspiel im Titel – besteht aus einer Fahrradkette und einem Ritzel, einer Tasche und einer Kinderstrickweste, die alle mit Schnur an einen herabhängenden Ast gebunden sind. Die Zweige könnten Körper sein, die Objekte Erinnerungen oder beunruhigend flüchtige Erzählungen.

Think of Me II, 2011, mixed media

Der Körper – oder besser: seine Abwesenheit – wurde in Birckens jüngster Ausstellung in der Londoner Galerie Herald St sowohl in den Materialien als auch in der Form sichtbar gemacht. Viele ihrer anthropomorphen Skulpturen, bei denen Teilefür ein imaginäres Ganzes stehen, verleihen der Vorstellungskraft Flügel. An Gliedmaßen gemahnende Formen, der untere Ärmel einer Motorradjacke etwa, liegen bei GiMoto (2012) wie achtlos abgelegt auf dem Sockel, bei Twiggy (2012) werden zwei sonderbar geformte Zweige mit Feinstrumpfhose von einer Schraubzwinge gehalten. Bircken zitiert hier die britische Kultfigur, bürgerlich Lesley Lawson, die als Model in den Swinging Sixties in der Londoner Modewelt Furore machte. Blondie – der Titel von Birckens Ausstellung im Kölnischen Kunstverein (2010) – war ein ähnlicher Rückgriff auf eine Pop­ikone. Kleidung als Mittel des Verbergens und des Zeigens begegnet uns auch in zwei Arbeiten mit Strumpfhosen, dieses Mal an der Wand. Repeat I (2012), zusammengenähte und aufgespannte Nylons in Beige und Schwarz, erinnert an ein Tapetenmuster, das sich irgendwo zwischen einem Schachbrett und dem Lippen-Motiv der Rolling Stones bewegt. Bei Mixed Race (2012) ist die Kom­bination von hellen und dunklen Nylonseher geometrisch-abstrakt gehalten, wobei die Töne von hauchzart bis zu einer opaken zweiten Haut reichen.

Birch Field, 2011, mixed media

Neben Kleidungsstücken ist Geäst ein Grundelement vieler Skulpturen Birckens, sei es als Platzhalter für den menschlichen Körper, sei es als Trägerkonstruktion, diemit anderen Materialien behangen ist. Die Arbeit Chariot (2012), die im hinteren Raum von Herald St ausgestellt war, besteht aus einem Skateboard mit aufmontiertem Fahrradrahmen, darüber ein Gestell aus Ästen, die von Mörtel und Stoffbinden zusammengehalten werden. An ihnen hingen Konservendosendeckel an ihren Aufreiß­laschen, wie ein Sortiment von Ohrringen. Dazu ein ganzes Gestrüpp an Plunder: eine Schere in den Zweigen, eine Reihe Federschmuck, eine Handvoll Heu, verschiedene Lappen, ein Feuerwerkskörper. So stillgestellt und stumm diese Gegenstände auch waren, hatten sie doch ihr Potenzial für Bewegung und Geräusche behalten: die Dosendeckel schienen im Wind klimpernzu können und der Feuerwerkskörper in einem hellen Lichtschein zu explodieren. Wie bei Soul lution scheint hier das Treibgut des Alltags eingefangen, Gegenständen gleich, die im Netz eines Fischkutters hängen bleiben. Vielen mögen diese ausrangierten Gegenstände nutzlos vorkommen, wie Schutt. Bircken verwendet sie offenbar, um ihr eigenes Gespinst von Assoziationen zu schaffen. Doch gelegentlich wählt sie auch eher Bezüge zur kollektiven Geschichte. In der Serie aHead (2011) – primitiv wirkende Totems, die 2011 bei Kimmerich in New York zu sehen waren – unterzog sie eine uralte Tradition der bildhauerischen Nachbildung menschlicher Formen ihrem eigenen pragmatischen Ansatz: ein länglicher, mit Wolle umwickelter Ball auf einem naturbelassenen, daher etwas schiefen Ast, der in einer hügelförmigen Basis aus stoffumhülltem Gips steckte. Diese Synthese aus Ast und Stoff verbindet das Häusliche und das Wilde, den Innenraum mit dem unbändigen Draußen, das Menschenwerk mit den Hervorbringungen der Natur.

GiMoto, 2012, mixed media

In ihrer Ausstellung Hausrat im Kunstverein Hamburg (2012) fanden sich in den mit Bedacht platzierten Skulpturen immer wieder Assoziationen an den häus­lichen Bereich. Neben Chariot waren weitere kinetisch vorgeprägte Werke zu sehen: Pferdchen (2008), für das ein Spinnennetz aus dickem Wollgarn ein kleines Schaukelpferd einhüllt, das seinerseits möglicher­weise als Anspielung auf Dada zu verstehen ist – ursprünglich ein Wort aus der französischen Kindersprache für Steckenpferd. Cagey (2012) – wie ein Scheiterhaufen aufgeschichtetes Material auf einer Plattform mit Rollen – war auf Ziegelsteinen geparkt. Der große lederne Boxsack Demolition Ball (2011) hing reglos von der Decke, während aus einem Bügelbrett Sprösslinge wuchsen (Cheri Cheri Lady, 2012). Eine auf einem Perserteppich aufgestellte Badewanne war mit einem betongetränkten Material ausgekleidet.

Bircken arbeitet mit wechselndenBezügen zu verschiedenen historischen Bewegungen: nicht nur zu Dada und Minimalismus, sondern auch mit Methoden der Arts-and-Crafts-Bewegung, der folkloris­tischen Kunst und des Kunsthandwerks; Strömungen, die sich gegen die beginnende Industrialisierung im 19. Jahrhundertwandten. Dass sie Handarbeitstechniken wie das Stricken anwendet und eine Vorliebe für Stoffe hat, erinnert an feministische Diskurse, die darauf abzielten, die Frauen von den immateriellen Arbeiten im Haushalt zu befreien – und damit von der Festlegungauf die Rolle einer treu sorgenden Hausfrau. Bircken mag wohl stopfen, stricken, ausbessern und flicken, doch sie tut dies auch mit Beton oder Stahl. Wenn Kleidern und Ästen als den Materialien, die sie immer wieder verwendet, etwas Nostalgisches anhaftet, wird dies ausbalanciert durch ihre beiläufigen Aneignung der Popkultur – von den Swinging Sixties bis zur labilen Gegenwart. Inihrer Ausstellung im Kunstverein Hamburg hing der Druck einer Unterwäschewerbung mit David Beckham einfach nur so ander Wand. Es ist alles andere als leicht, auch nur eine von Birckens Ausstellungen zu einem fein säuberlichen Paket zu schnüren. Ihr Werk ist unordentlich, ungebärdig, es ist überfrachtet mit Prüfsteinen, Lektüren und erkennbaren Referenzen, die den Betrachter in ein Knäuel von Assozia­tionen verstricken. Die umstandslose Zusammenstellung von Gegenständen und Materialien – die Verwendung ihr eigener Kombinationenund narrativer Konstellationen – dreht sich immer weiter nach außen, einer Spirale gleich, so wie das gestrickte Netz ihrer Objekte selbst.
Übersetzt von Michael Müller

—von Paul Teasdale

Paul Teasdale ist Assistant Editor von frieze und Chef vom Dienst von frieze d/e. Er lebt in Berlin.