Was steckt hinter der Faszination der Boulevardmedien für die zeitgenössische Kunst? Und wie profitieren Künstler davon?
Olaf Metzle, Auf Wiedersehen, 2006, Aufbau der Installation in Nürnberg (Courtesy: der Künstler, Fotografie: (1) Kulturreferat, (2) Roman Mensing)
Normalerweise sind Boulevardblätter nicht von sonderlichem Interesse. Es gibt keinen wirklichen Grund, sie zu kaufen und Zeit mit ihrer Lektüre zu verbringen. Trotzdem: Die Bild-Zeitung ist schon etwas Exotisches – und damit auf ihre Art auch interessant. Die Macht, die mit ihr assoziiert ist, der behauptete oder tatsächliche Einfluss auf Politik und Gesellschaft, die Art, wie sie die Themen „dreht“ oder der unendliche, schlüpfrige Sexismus. Immer, wenn man ein Exemplar in der U-Bahn oder im Café in die Hände bekommt, taucht man ein in eine fremde Welt mit ganz eigenem Personal: Faszination und Ekel regen sich schnell, ebenso wie ein Staunen über diese kleine Welt mit großen Buchstaben. Klar: Regelmäßige Lektüre würde einfach nur doof machen. Aber liegt die Zeitung irgendwo aus, nimmt man sie gerne mit. Oft kommt das nicht vor, denn in den mit der Kunstwelt assoziierten Räumen findet man das Blatt so gut wie nie. Es ist schon sehr selten, dass jemand so offen mit dem Thema umgeht wie der Galerist André Schlechtriem, der einmal in einem taz-Fragebogen die Bild-App fürs iPhone lobte. Unter Kulturschaffenden scheint ansonsten eine Art kollektive Bild-Abstinenz zu herrschen. Vielleicht war das auch der Grund, dass sich alle Kritiker bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der von der Bild unterstützten Schau ARTandPRESS auf die ausliegenden Gratisexemplare stürzten, bis der Stapel verschwunden war.
Die Beteiligung der Bild an dieser Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ging über das normale Maß einer Medienpartnerschaft weit hinaus: Die ersten fünf Ausstellungswochen wurden mit einer täglichen Serie begleitet, die auf einer knappen Seite ausgewählte Künstler und deren Werke vorstellte. Die Komik, die aus Überschriften wie „Laufschrift des Schreckens“ für einen Text über Jenny Holzer sprach, konnte man schon längst nicht mehr „unfreiwillig“ nennen. Jeden Tag freute sich die Redaktion, nicht nur eine „sensationelle“, sondern die „wichtigste Kunst-Ausstellung 2012“ zu präsentieren. Hatte dort eigentlich niemand Bescheid gesagt, dass 2012 ein documenta-Jahr ist? Vielleicht gelang die Bild-Zeitung, die mit ihrer Serie eine Art Spiegelausstellung im Blatt installierte, zu derart ignoranter Unbekümmertheit auch allein schon dank ihrer Verbreitung: Mit einer Auflage von fast 3 Millionen Exemplaren erreicht die Zeitung eine geschätzte Leserschaft von 12 Millionen Menschen täglich – auf solche Besuchszahlen kommt selbst eine documenta nicht.
Doch die ARTandPRESS_–Harmonie im Martin-Gropius-Bau trügte. Zwischen _Bild und Kunst handelt es sich eher um eine Art Hassliebe. Man erinnere sich nur an jene regelrechte Kampagne, die das Blatt vor einigen Jahren gegen eine Skulptur im öffentlichen Raum von Nürnberg führte. Olaf Metzel hatte im Rahmen der von Raimar Stange und Florian Waldvogel im Fußballsommer 2006 kuratierten Ausstellung Das Große Rasenstück – Zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum den gotischen Schönen Brunnen in der Innenstadt mit einer temporären 17-Meter-Skulptur aus ausrangiertem Stadionmobiliar verhüllt. Mit Schlagzeilen wie „Kunst-Schande am Hauptmarkt“ wurde gegen die Installation Stimmung gemacht, die Skulptur selbst als „Geschwür“, „Gaga-Kunst“ oder „Schrott-Turm“ tituliert. Fieser und mieser geht es kaum.
Jonathan Meese, Plakatentwurf für die Bild-Zeitung (Courtesy: Jonathan Meese . Com, Fotografie: Jan Bauer . Net)
Deshalb wundert man sich ein bisschen, dass Metzel eine große Installation in der ARTandPRESS-Ausstellung hatte. Ist ihm denn alles egal? Geht es nur darum, überhaupt in den Medien vorzukommen, egal wie? Zu wahrer Meisterschaft darin hat es zumindest Jonathan Meese gebracht. Der Maler ist eine jener Figuren, die sich scheinbar ohne Reibung durch die Bild-Welt bewegen können. Mit der gleichen traumwandlerischen Sicherheit hat er sich auch in den bildungsbürgerlichen Kanon der ehrwürdigen Wochenzeitung Die Zeit eingeschrieben. Und seit der Veröffentlichung von Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst (2012) gehört er zum illustren Kreis der Suhrkamp-Autoren. Dabei ist Meese keine Skandalfigur, wie es etwa Jörg Immendorff mit seinem Kokain- und Prostituierten-Zwischenfall war. Er ist einfach nur Meese. Er betreibt den Kult um seine Person so konsequent, dass er selbst, sein pures Sein zur Nachricht geworden ist. Deshalb kann er auch in der berühmten „Ihre Meinung zu Bild?“-Kampagne der Agentur Jung von Matt Werbung machen. Am meisten für sich selbst. Meese passt immer und ist so anschlussfähig wie ein Reiseadapter: „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung.“ Da sieht Bild plötzlich ganz alt aus.
Angesichts dieser Ausstellung muss man vielleicht gar nicht so sehr um die Kunst fürchten. Wird sie vom bösen Boulevard beschmutzt und besudelt? Eher nein. Interessant zu beobachten war eher, wie die Bild-Zeitung hier gegen ihr ureigenstes Prinzip der Massenmedialität verstieß. Wieso sehnt sich ausgerechnet die Bild, die millionenfach verbreitet „die Straße regiert“, so stark nach dem Museum – einem Ort, der nicht unbedingt für Verbreitung steht. Vielleicht beschleicht die Zeitung angesichts des Medienwandels eine Art Todesahnung? Und am liebsten möchte man doch im Museum begraben sein. Die Bild-Macher haben die Kunst und das Museum als Medien der Überlieferung entdeckt; und die Künstler die Zeitung als Medium, ihre Bilder an die Öffentlichkeit zu bringen. Und solange das funktioniert, schert sich niemand um Prinzipien.
—von Kito Nedo