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Eignet sich Sophistication zum Reden über Pop? Nadja Geer hat ein Buch darüber geschrieben

Cindy Palmano, Porträt der Pet Shop Boys aus dem Fotoshoot zu ihrer Single What Have I Done to Deserve This?, 1987

Man muss nicht gleich von Vatermord sprechen, aber eine mittlere Majestätsbeleidigung ist es schon, was sich die Berliner Poptheoreti­kerin Nadja Geer in ihrem Buch Sophistication. Zwischen Denkstil und Pose (V&R unipress 2012) leistet. Dort greift Geer, die als Autorin unter anderem für Die Zeit und tageszeitung schreibt, Diedrich Diederichsen mit offenem Visier an. „Diederichsens Stil ist arrogant“, ist da zu lesen. Er sei ein bürgerlicher Elitist in der Nachfolge Adornos, sein Geschäftsmodell die existenzielle Besserwisserei. Real­politische Verhältnisse interessierten ihn nicht. „Sein blinder Fleck liegt im Ästhetizismus der eigenen Stilistik.“ Starker Tobak, dessen Rauch dem Pontifex der deutschen Pop­kritik und Professor der Akademie der Bildenden Künste in Wien da ins Gesicht geblasen wird. Was in den Exzerpten aus Geers Buch zunächst klingt wie eine eingeschnappte feministische Kampfschrift aus den 1970er Jahren, ist allerdings in
Wirklichkeit eine wissenschaftliche Abschluss­arbeit. Und zwar eine ziemlich gute.

Geer verfolgt in ihrer Dissertation ungefähr folgenden Ansatz: Bislang sei es beim Reden über Pop hauptsächlich um verschiedene Inhalte oder Definitionsversuche, selten um das Reden über Pop selbst gegangen. Diese „Popintellektualität“ bildet ihren Untersuchungsgegenstand. Sie ist eines der auffälligsten performativen Erzeugnisse des Pop und hat sich in Deutschland in den 1980er Jahren ausgebildet. Finden kann man sie bei so unterschiedlichen Popjournalisten und -literaten wie Diedrich Diederichsen, Max Goldt, Christian Kracht und Thomas Meinecke. Eine wichtige Rolle hat dabei das 1980 in Köln gegründete Musikmagazin Spex gespielt (Diederichsen war Chefredakteur von 1985–90). Es sei zum geistigen Zentrum der Popintelligenz geworden und habe den Status des kunstrichterlichen Zentralorgans in Fragen popkultureller Ästhetik erlangt, so Geer. Diese Deutungshoheit verdankte sich zum einen der Etablierung eines alternativen, bohemistischen Bildungskanons, der dem des hochkulturell dominierten bürger­lichen Feuilletons entgegenstand. Zum anderen sei das Deutungs­monopol in Geschmacksfragen mit einem zentralen Instrument erobert worden: der Sophistication.

Was ist Sophistication? Ganz allgemein ist sie eine Form geschmacklichen Raffinements und kultureller Verfeinerung: das lächelnde Wissen um die Nuance statt die diffus fordernd in die Luft gereckte Rockerfaust, Coolness statt Schweiß, Ambivalenz statt Eindeutigkeit, Proust statt Böll. Für Geer äußert sich die Sophistication der deutschen Poptheoretiker sowie ihrer Literaten­kollegen im geschickten referenziellen Spiel mit Elementen von Hoch- und Populärkultur. Anders als noch in der Gegenkultur der 1970er Jahre wird der intellektuelle Habitus des Bürgertums, die Kultiviertheit, keinesfalls verworfen. Das coole Wissen des Pop tritt vielmehr gleichberechtigt zum bildungsbürgerlich legitimierten Kanon hinzu. Das ist das dehierarchisierende Moment, das man gerne mit der Postmoderne verbindet: Man konnte nun mit der gleichen argumentativen Hingabe über ein Pet-Shop-Boys-Album debattieren wie über ein Shakespeare-Sonett. Das befreiende Moment der Dehierarchisierung von high und low, argumentiert Geer, schlage in der ästhetischen Strategie der Sophistication jedoch in neue Unfreiheiten um, nämlich in Elitismus, Autoritarismus und Ausschlüsse. Während die eine Hand also Bildungsmauern einreiße, baue die andere neue auf. Geer belegt dies am Beispiel früher Diederichsen’scher Plattenkritiken: Durch ingeniös geflochtene und vor allem nie explizierte Referenznetze aus Film, Hochkultur und Fremdwortjargon sowie weitere Produkte aus dem Gemischtwarenladen der Bildungshipness entsteht ein hermetischer Diskurs, der sich an einen Kreis der chosen few wendet. Es gehe bei dieser Insider-Kommunikation nicht um Aufklärung und Erkenntnis, sondern – analog zu der von Bourdieu beschriebenen Rolle des Geschmacks und der feinen Unterschiede für das Bürgertum – um Distinktion und Diskursmacht innerhalb einer recht kleinen Szene. Dem nicht gemeinten Leser mit dem Fragezeichen im Gesicht werde vermittelt: „Wenn du die Band, den Philosophen oder den Literaten nicht kennst, von denen ich hier in einer Art und Weise schreibe, als ob jeder sie kennen müsste, dann gehörst du nicht zu uns.“ Geer meint das, was Thomas Meinecke einmal ganz affirmativ „die harte Tür des Pop“ genannt hat. Das heißt auch: Der Gentlemen’s Club des deutschen Popdiskurses hat mit dem Mittel der Sophistication viel dafür getan, dass aus Pop keine populäre Kultur wurde. „Der Popdiskurs ist in der Krise, wenn er auf die Sophistication als alleinigen Denkstil setzt“, betont Geer im Gespräch. „Das Erbe der Sophistication und des Ästhetizismus der 1980er Jahre findet man heute in den leeren, inszenatorischen Zeichen der Postdemokratie, in der der 80er-Jahre-Gestus der Bedeutungsausleerung zu neuen Ehren gekommen ist.“

Die sich immer so modern und progressiv gebenden Popintellek­tuellen stehen, so Geer, der bürger­lichen Exklusivität der Kultiviertheit näher, als sie wahrhaben möchten. Wie stark sie in ihrem Stilwillen an Formen alteuropäischer Kultiviertheit anknüpfen, zeigt sie durch präzise Lektüren dreier Autoren der Zwischenkriegszeit auf: des konservativen Revolutionärs Rudolf Borchardt (1877–1944), des distinguierten Hochstaplers Friedrich Reck-Malleczewen (1884–1945) und des dandyistischen Journalisten und Schriftstellers Friedrich Sieburg (1893–1964). Wie die heutigen Popintellektuellen hätten sie mit ihrem Ästhetizismus und betonten Individualismus Distanz zum gesellschaftlichen Ganzen geschaffen, so die Autorin. Ähnlich der Sophis­tication habe ihnen der Habitus der Kultiviertheit zur narzisstischen Selbstinszenierung gedient. An dialogischem Austausch seien sie ebenso wenig interessiert gewesen wie ihre popsozialisierten Nach­fahren. Darin liege ihr antidemokratisches Moment.

Dass freilich auch die Univer­sitäten, in die die Popwissenschaft zunehmend Einzug hält, nicht immer ein inklusionistischer Ort des herrschaftsfreien Gesprächs sind, weiß auch die Amerikanistin Geer: „Es mag sein, dass ich mit meinem Buch etwas einfordere, was es ohnehin nicht gibt. Seit ich wieder mehr an den Universitäten zu tun habe, erlebe ich, dass dort ebenso mit Jargon, unantastbaren Lehrmeinungen und Ausschlüssen gekämpft wird.“ Natürlich kann man sich fragen, ob es wirklich noch zu beweisen war, dass der von Geer untersuchten Popintellektualität undemokratische Tendenzen innewohnten. Dass die frühe Spex kein basisdemokratisches Kaffeekränzchen war, das über die Relevanz von Bands abstimmte, hat man geahnt. Auch ließe sich argumentieren, dass Pop zwar dehierarchisiert und befreit, aber auch ein für die Identitätsbildung wichtiges Instrument der Ab- und Ausgrenzung ist. Geers Unterscheidung zwischen dem guten befreienden Pop und dem bösen ausschließenden Popdiskurs ist also fragwürdig. Aber das ist eine Petitesse: Geers Studie gebührt das Verdienst, mit der Sophistication der Popintellektuellen eine bislang stiefmütterlich behandelte Kommunikationsform wissenschaftlich, aber leserfreundlich erschlossen zu haben.

—von Thomas Hübener

Thomas Hübener ist Literaturwissenschaftler und lebt als Autor und Lektor in Hannover.