Half-Pipe, Half Painting

Öffentlicher Raum

Wie fährt es sich auf einer alten Skaterrampe des früh verstorbenen Michel Majerus heute?

Michel Majerus, if we are dead, so it is, 2000, 3×10×42 m, Installationsansicht Schlossplatz Stuttgart, 2012

Vor nun schon zehn Jahren kam Michel Majerus mit nur 35 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Eine Retrospektive mit Statio­nen im Kunstmuseum Stuttgart und dem CAPC (Centre d’arts plastiques contemporains) in Bordeaux erinnert aus diesem Anlass an Majerus – und mit ihren riesigen Wandmale­reien und den von der Popkultur rund um das Jahr 2000 informierten Installationen auch an ein unausgesprochenes Versprechen, das sein Werk zu formulieren schien: nämlich die Idee von Pop Art aus dem Postergeschäft der Geschichte für die Gegenwart zurückzuerobern und zu erneuern.

In Stuttgart betonte die Austellung durch die Präsentation früher Arbeiten, die während und kurz nach dem Studium an der dortigen Akademie entstanden, die Bindung des Künstlers an die Stadt. Zum Ende der Laufzeit schmückte Stuttgart sich schließlich mit einer von Majerus’ bekanntesten Arbeiten: if we are dead, so it is (Wenn wir tot sind, dann soll es so sein, 2000). Die ursprünglich für den Kölnischen Kunstverein konzipierte Rampe für Skater stand in Stuttgart vor dem Kunstmuseum auf dem Schlossplatz und direkt an der Fußgängerzone. Kaum ein Passant, der hier ohne Einkaufstüten unterwegs wäre, auf denen Logos, Bilder und Schriftzüge bekannter Marken prangen – ähnlich derer, die Majerus auf seiner Halfpipe verteilt hatte. Wie von selbst entwickelten sich dabei eigentümliche Dialoge mit den Motiven auf der Rampe – sei es einer zerknüllten Plastiktüte in Beige, einem Comic-Totenschädel oder einer weiteren Tüte mit dem Logo eines großen Heimwerkermarkts – sowie Wörtern, Satzfetzen und Slogans: „newcomer“, „labil“ oder „Die neue Referenz“, aber auch „das befreien des malens vom thema ausdruck“. All diese Fragmente übernehmen in ihrer Sprachverknappung die Logik von Werbeslogans. Und kaum jemand auf der Rampe war ohne Skater-Markenkleidung mit markigen Slogans wie „Keep it real“ unterwegs.

Zwischen Einkaufsparadies, Jugendkultur und Museum hatte Majerus’ Arbeit – mit ihrer Nähe zu Werbung, Markenwelt und Malerei – ihren idealen Ort gefunden. Um Pop Art für die Gegenwart wiederzubeleben, entschied sich Majerus dazu, den herkömmlichen Methoden der Aneignung der Popkultur für die klassischen Medien Malerei und Skulptur eine neue hinzuzufügen: Mit seiner Halfpipe verwandelte er Marken gleichermaßen in Malerei wie in Popkultur: weder als Fundstück noch als käufliche Ware, die man in einer Tüte mit nach Hause nehmen kann, sondern als kollektive Erfahrung. Kann man sich eine bessere Art vorstellen, Pop aus dem Fundus kunsthistorischer Referenzen zu befreien und ihm neues Leben einzuhauchen, als Skater über eine im Grunde genommen gigantische, gebogene Leinwand rollen zu lassen?

Auch in Bordeaux wurde die Halfpipe aufgebaut, sie passt exakt zwischen die Säulenreihen der kathedralenhaften historischen Lagerhallen des CAPC. Bordeaux gilt als europäisches Skater-Mekka schlecht­hin. Hier gibt es seit den frühen 1980er Jahren eine aktive Szene, die seit jeher im Austausch mit Amerika steht und internationale Stars wie Bastien Salabanzi hervorgebracht hat. In den letzten zehn Jahren wurde diese Szene schließlich im Zuge einer massiven Stadtmarketingkampagne massiv gefördert, am sichtbarsten wohl durch einen 2006 eröffneten Skatepark von über 2.500 Quadratmetern. Repräsentativ an der Promenade entlang den Ufern der Garonne gelegen und unweit des CAPC, ist dieser Park bei gutem Wetter ein sozialer Treffpunkt. Am Eröffnungswochenende der Ausstellung finden hier die regionalen Skateboard-Meisterschaften statt. Die Ausstellung selbst versucht, mit freiem Eintritt auch die Skater und damit ein junges Publikum ins Museum zu locken. Wer zur Halfpipe will, muss allerdings erst einmal durch die gesamte Ausstellung.

Diese kaum zu übersehende pädagogische Komponente mag damit zu tun haben, dass Majerus in Frankreich kaum bekannt ist. Dass die Reaktionen in Bordeaux nicht so ausnahmslos positiv ausfallen, wie das in Stuttgart der Fall war, mag vielleicht auch mit dieser etwas sehr didaktischen Installation zu tun haben. Ein Anrufer bei einem Radiosender, der sich darüber beschwerte, was ein Künstler, der nichts über das Skaten wisse, sich denn anmaße, und dass er die Sportart und ihre Lebenseinstellung doch nur für sich ausbeuten wolle, scheint dennoch ein Einzelfall. Doch auch auf der Facebook-Seite des CAPC, auf der man den Aufbau der Rampe verfolgen kann, gibt es neben Anerkennung auch Spott und Kritik. Neben skeptischen technischen Anmerkungen – etwa, dass die Ränder der Rampe zu niedrig für bestimmte Tricks seien – ließ sich zumindest zwischen den Zeilen doch auch eine Skepsis herauslesen, vielleicht sogar etwas Angst davor, vor den Karren der Hochkultur gespannt zu werden.

Diese gemischten Reaktionen mögen ein gutes Zeichen sein. Zehn Jahre nach Majerus’ Tod scheint sich ein jüngeres Publikum seinem Werk ohne übertriebene Ehrfurcht und pragmatisch nähern zu können. Der historische Kontext, in dem seine Arbeiten entstanden sind – die 1990er Jahre in Berlin, Techno, Ecstasy, die Loveparade – und der über weite Strecken ihre Rezeption geprägt hat, ist inzwischen offensichtlich weit entfernt. Die 1990er Jahre erscheinen als abgeschlossene historische Epoche und ihre Mar­kierungen halten bestenfalls als Ausstattungselemente her, als sprichwörtlicher Griff in die Mottenkiste. Wenn diese Arbeit von Majerus auch ohne den Künstler eine tatsächlich Generationen übergreifende Kommunikation zu ermöglichen scheint, so hat das nicht nur mit dem Motiv des Skatens zwischen Trendsportart und individualistischer Grundeinstellung zu tun oder damit, wie es als Element des Stadtmarketings eingesetzt wird. Denn in ihr findet sich auch das Bild einer Welt, die mehr denn je Oberfläche geworden ist – als Desktop eines Computers, der mit netten und lustigen Bildern und Bildschirmschonern gepflastert ist, als Benutzeroberfläche diverser sozialer Plattformen, die Orte des gegenseitigen Austausches von Sinnsprüchen und Katzenbildern sind, in Form all der anderen Orte, an denen Oberflächen Strukturen maskieren. Und solange diese Oberfläche sich bis in die letzten Fältchen ausdehnt und mit ständig wechselnden und beliebigen Inhalten befüllt wird, werden die Arbeiten von Majerus relevant bleiben. Egal ob man in Stuttgart oder Bordeaux auf der Rampe skatet, Michel Majerus skatet in den Köpfen mit. For real.

—von Andreas Schlaegel