Hör’ gut zu

Musik

Die lange Geschichte eines kleinen Gadgets: MP3

System-Setup für MPEG-Hörtests (Courtesy: Bergman, Grewin, Rydén – ‘MPEG/Auto Subjective Assesments’)

Beim MP3-Format mag es um Kompaktheit gehen. Seine Geschichte ist jedoch alles andere als kompakt. Das zumindest sagt der Kommunikationstheoretiker Jonathan Sterne in seinem großartigen neuen Buch MP3: The Meaning of a Format (MP3: Die Bedeutung eines Formats), das diesen Sommer bei Duke University Press erscheinen wird. Nach Sterne ist die MP3-Story Teil einer Geschichte der Datenkompression (also der Technik des Entfernens überflüssigen Datenballasts), die bis zu den Anfängen der Telefontech­nologie zurückreicht.

„Auch wenn es sich bei MP3 um eine allgegenwärtige und banale Technologie handelt, bietet sie doch eine verlockende Zugangsmöglichkeit zu den ineinander verschlungenen Geschichten von Sound und Kommu­nikation im 20. Jahrhundert“, so Sterne. Dieses Buch, an dem er sieben Jahre lang geschrieben hat, ist die lang erwartete Fortsetzung seiner Studie The Audible Past: Cultural Origins of Sound Reproduction (Die hörbare Vergangenheit: kulturelle Wurzeln der Klangreproduk­tion, 2003). MP3 „birgt praktische und philosophische Einsichten in sich; darüber, was Kommunizieren bedeutet, was es bedeutet zuzuhören oder zu sprechen, wie das ‚innere Ohr’ funktioniert und was es heißt, Musik zu machen.“Sterne liefert dazu entsprechende historische Beispiele, die deutlich machen „wie das ‚innere Ohr’ funk­tioniert“ und die das MP3-Format vorwegnehmen. Das Anschaulichste: das „Katzentelefon“, das 1929 im Rahmen eines psychologischen Ex­periments an der Princeton University entwickelt wurde. Dabei pflanzten Wissenschaftler Elektroden in die Schädel zweier lebender Katzen, die – angeschlossen an die Hörnerven der Tiere – erst mit einem Verstärker und dann mit einem Telefon verbunden wurden. Die Forscher fanden heraus, dass die Hörnerven ähnlich wie eine Telefonleitung funktionierten: Erzeugte man im Ohr der Katze – am einen Ende der Leitung – ein Geräusch, dann konnte man es am anderen Ende im Empfänger hören. Das Ohr funk­tionierte ähnlich wie ein Kondensatormikrofon. Laut Sterne hatte dieses Experiment „die Technologie der Klangreproduktion buchstäblich in das ‚innere Ohr’ verlagert“ – genau wie das MP3. Letzteres schreibt sich nicht nur in die Geschichte der Kompression ein, sondern auch in diejenige der Wahrnehmungskodierung, die aus der Psychoakustik entstanden ist. Wahrnehmungskodierung kann man sich als eine spezielle Art der Kompression vorstellen, bei der ausgehend von der Idealvorstellung eines menschlichen Zuhörers – von dessen „innerem Ohr“ – Möglichkeiten entwickelt werden, einer Datei Daten zu entziehen.

Die meisten der entscheidenden Experimente zur Telefonie fanden in den Vereinigten Staaten und dort vor allem in den Bell Labs statt. Und doch führen im Rahmen der Geschichte der Wahrnehmungskodierung, eines wichtigen Forschungs bei Bell, auch Spuren nach Deutschland. 1977 bat Dieter Seitzer, ein Professor an der Universität Erlangen, die Bundesregierung um Fördermittel für ein Projekt zur digitalen Übertragung von Musik über Telefonleitungen. Auch wenn er die Förderung nicht erhielt, so half doch später einer seiner Schüler, Karlheinz Brandenburg, bei der Entwicklung des MP3. Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen mag den MP3-Standard in den frühen 1990er Jahren festgeschrieben haben, doch die Geschichte dieses Formats reicht noch weiter in die Geschich­te der Psychoakustik in Deutschland zurück, die sich angefangen im 19. Jahrhundert mit Hermann von Helmholtz’ Klassiker Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik (1863) bis zu den Studien der Psychoakustiker Eberhard Zwicker und Richard Feldtkeller, Das Ohr als Nachrichtenempfänger (1956), erstreckt.

MP3: The Meaning of a Format erscheint im August 2012 (Courtesy: Duke University Press)

Das MP3 ist für Sterne keineswegs ein kulturelles Neutrum. Es basiert auf einem bestimmten Hörermodell, und dieses Modell ist unvollkommen. Es geht von sehr allgemeinen Mutmaßungen darüber aus, was wir in einem Lied hören und was nicht – was uns daran auffällt und was nicht. Die MP3-Komprimierung kann einen lauten, aufdringlichen Popsong gut klingen lassen, ein alter Jazzsong mit vielen stillen Momenten und einer extremen Dynamik dagegen kann grauenhaft klingen. „Dem MP3-Code wurde eine ganze Verhaltenslehre des Hörens eingeschrieben“, sagt Sterne, „bei dem bestimmte Hörthemen und Einstellungen zum Hören formgebende Bedeutung erhielten.“ Sterne erläutert weiter, dass „das MP3-Format selbst im Moment seines Entstehens ganz zweifellos in einem spezifischen kulturellen Milieu verwurzelt war. Hörtests zeigen, dass eine von professioneller Seite festgelegte Ästhetik des ‚guten Klangs’ das Format genauso beeinflusst hat wie weit wissenschaftlichere oder technischere Bestimmungen.“ Sterne beschreibt einen Klangtest aus dem Jahr 1990, in dem die Standards für das MP3 festgeschrieben wurden, und die Musik, die dafür verwendet wurde – vor allem Suzanne Vegas Popsong Tom’s Diner (1987), der mitunter als das erste MP3 bezeichnet wird. Da waren „keine Kalimbas oder verzerrten Gitarren dabei, keine schweren Backbeats, keine Polyrhythmik“ – so beschreibt Sterne die für die Tests verwendete Musik.

Sterne ist einer jener raren Wissenschaftler, die nicht nur eine gut recherchierte Untersuchung abliefern, sondern für ein ganz neues Forschungsgebiet plädieren: eines, das sich mit dem Format und nicht mehr nur mit dem Medium beschäftigt. „Wenn es denn so etwas wie Medientheorie geben sollte“, schreibt er, „dann sollte es auch eine Formattheorie geben […]. In einem digitalen Abspielgerät sagt ein Format dem Betriebssystem, ob eine bestimmte Datei für ein Textverarbeitungs- oder ein Musikabspielprogramm, für einen Internetbrowser oder für etwas anderes gemacht ist. Das mag trivial klingen, doch kann sich das leicht auf eine allgemeinere politische Diskussion hin öffnen […]. Denn es ist das Format, das die Protokolle bestimmt, über die ein Medium funktioniert.“ Die Botschaft wäre dann das Format und nicht mehr das Medium.
Übersetzt von Clemens Krümmel

—von Geeta Dayal

Geeta Dayal lebt als Autorin in San Francisco. Sie schreibt regelmäßig für frieze.