Im Herzen Wiens

Projekträume

Der bekannte Projektraum COCO ist geschlossen. Wie geht es weiter in Wien?

Die / Der Würfel / Le dé (V), Ausstellungsansicht 2012 (Courtesy: COCO, Fotografie: Markus Krottendorfer)

Bei einer Diskussion über Architektur, die im Januar dieses Jahres im Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien stattfand, äußerte der Künstler Marko Lulić eine Meinung, die privat zwar oft diskutiert, kaum aber öffentlich geäußert wird: Wien sei im Zweiten Weltkrieg nicht ausreichend bombardiert worden. Sieht man einmal vom Verlust an Menschenleben ab, der mit dieser verheerenden Vorstellung ein‑her­ginge, ist dies ein durchaus interessantes Argument: Der Stadt blieb eine gründliche architektonische Modernisierung versagt, weil ein­fach nicht ausreichend Platz für neue Gebäude zur Verfügung stand.

Vielleicht haben sich schiefe Winkel und Patchwork-Fassaden gerade deshalb als Markenzeichen österreichischer Architekten – von Hans Hollein, Guenther Domening, Coop Himmelb(l)au bis zum jüngst verstorbenen Raimund Abraham – herausgebildet, weil diese immer wieder Aufträge für Häuser auf den schmalen Grundstücken und ein­geschränkten Freiflächen Wiens erhielten. Abrahams Entwurf für die schlanke Scheibe des Österreichischen Kulturforums in New York ist das wohl berühmteste Beispiel für die extrem reduzierten Dimensionen und wunderbar ausdrucksvollen Elemente eines Nationalstils, der inzwischen internationale Verbreitung gefunden hat. Die Zusammenballung unterschiedlicher Stile wurde – zumindest in der Innenstadt – durch das Festhalten an einem etwas unzeitgemäßen Prinzip intensiviert: Kein Bau darf hier höher sein als der Stephansdom. So entstanden neue, höhere Bauten auf der anderen Donauseite, was bei den Reichen und Wichtigen der Innenstadt zu der zynischen Ausdrucksweise führte, die Kultur auf dem anderen Ufer als „transdanubisch” (gleichbedeutend mit geschmacklos) zu diffamieren und damit für irrelevant zu erklären.

Kunst wird deshalb in Wien meist in historistischen Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert gezeigt, wie sie das Stadtbild prägen. Das gilt nicht nur für Museen, sondern auch für private Galerien. Der Mangel an modernen Ausstellungsorten war einer der Gründe, vor etwas mehr als zehn Jahren das MuseumsQuartier (MQ) einzurichten. Ein Großteil der einheimischen Besucher ist inzwischen an das Prinzip des „White Cube“ gewohnt, das dort die Ausstellungsräume des Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig (MuMoK), das Leopold Museum und die Kunsthalle Wien bieten. Wer aber in Wien eine pri­vate Galerie oder eine der Künstlerinitiativen betritt, die sich meist in ehemaligen Läden, Werkstätten, Salons oder Wohnungen befinden, der wird diese Schlichtheit schnell wieder vermissen.

Rancourt/Yatsuk, The Switch (der Wechsel), 2010, Performance (Courtesy: die Künstler & COCO, Fotografie: eSeL.at)

Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Einen der reinsten und weißesten White Cubes hatte ein Ende März geschlossener „Off space“ –wie man so etwas in Wien nennt: COCO. Die beiden Gründer Severin Dünser und Christian Kobald – die sich inzwischen freundschaftlich getrennt haben – eröffneten COCO im Mai 2009 mitten im innerstädtischen 1. Bezirk mit zwei vitrinen­artigen Ausstellungsräumen von (zusammen) ungefähr 100 Quadratmeter Fläche, die vorher für Landengeschäfte genutzt worden waren. Die beiden Räume lagen sich an einer Fußgängerpassage gegenüber und boten Gelegenheit für subtile Dop­pelungen, dialektische Ästhetik und Enjambements. Auch nach Ende der Öffnungszeit blieben sie beleuchtet. So konnte man einfach vorbeischlendern und sich die Ausstellungen anschauen, auch wenn das Unternehmen COCO in starkem Maße von Vorträgen, Filmvorführungen und Performances lebte – und von einer Bar, die in einem dritten Laden direkt neben dem kleineren der beiden Cubes untergebracht war. Letztlich sicherte die Bar das Überleben des Projekts, ihr Erfolg wurde für die Gründer aber zur Belastung und nahm sie in Beschlag. Mit dieser produktiven Gleichzeitigkeit – Kunst machen und in der Kneipe rumhängen – reiht sich COCO in eine lange Tradition von alter­nativen Ausstellungsorten, die in den 1960er Jahren einsetzt: vom Hallwalls Contemporary Arts Center in Buffalo bis zum Berliner Büro von Martin Kippenberger. Das jüngste Projekt in der Wiener Innenstadt dürfte Ve.Sch (Verein für Raum und Form in der bildenden Kunst) sein. Ursprünglich ein Laden, wo man spät abends noch etwas trinken konnte, verwandelte sich das Ve.Sch allmählich in eine Galerie mit bescheidenen 50 Quadratmetern Ausstellungsfläche in zwei Räumen. Außerhalb des Zentrums gibt es noch das Pro Choice der Künstler Will Benedict und Lucie Stahl (die Ende vergangenen Jahres aus dem 1. in den 2. Bezirk gezogen sind) und Saprophyt, wo auch das Programm des Internetsenders Saprophyt Radio produziert wird.

Auch wenn gerade die Bar erfolgreich war, sollte man die ernsthafte Seite der Aktivitäten von COCO nicht unterschätzen. Es brachte Dutzende von Künstlern nach Wien und war für die unterschiedlichen Generationen ein Ort der Begegnung außerhalb der Mauern der Akademie. Junge Künstler sind meist dankbar für Gelegenheiten, ihre Werke zu zeigen, und mit älteren Kollegen auf Augenhöhe sprechen zu können. Und solche aus den Staaten des früheren Ostblocks waren dankbar, dass sie hier kleinere Projekte durchführen konnten und doch Teil der großen Gemeinschaft waren, die das Programm von COCO prägte; diese Generation arbeitet in einer finanziell schwierigen Zeit, ganz anders als die Generation der 1990er Jahre, die man mit Förderprogrammen etwa der Open Society Foundation, Ars Baltica, KulturKontakt oder dem Nordischen Ministerrat wieder in den Netzwerken der europäischen Kunst willkommen hieß. Künstler aus dem Programm von COCO, darunter Martin Hotter, Anna Zwingl und Liudvikas Buklys fanden Beachtung bei den Wiener Kultureinrichtungen, Stiftungen und Galerien und starteten hier neue Projekte. Künstler knüpften unter­einander und mit Kuratoren zahl­reiche Kontakte, so dass sich zwischen Gent, Vilnius, Wien und Köln eine besonders aufgeschlossene und produktive Beziehung entwickelte. Es bleibt zu hoffen, dass die Künstler, die bei COCO zu Gast waren, die besondere Atmosphäre dieses Ortes in Erinnerung behalten und die Kulturlandschaft Wiens bald um einen weiteren, ganz eigenen „Off space“ bereichern werden.
Übersetzt von Michael Müller

—von Simon Rees