Adam Szymczyk: „Kunsthalle“

In dieser Serie bittet frieze d/e KünstlerInnen, KuratorInnen oder AutorInnen, über ein Wort und seine Wirkung nachzudenken

Johann Jakob Stehlin-Burckhardt, Entwurf für das Innere des Oberlichtsaals, 1868/72

Im Frühjahr 1868 legte der Architekt Johann Jakob Stehlin-Burckhardt seinen Wettbewerbsbeitrag für eine Kunsthalle in Basel vor. Als Motto wählte er den Anfang von Goethes Gedicht „Künstlers Morgenlied“ (1773): „Der Tempel ist euch aufgebaut / Ihr hohen Musen all“. Das Zitat, das Stehlin-Burckhardts neo-klassischem Projekt Nachdruck verleihen sollte, verrät, welche Erwartungen die Wettbewerbsjury seiner Ansicht nach an die Kunsthalle richtete: eine dauerhafte Stätte der Musen, getreu der Vorstellung der Aufklärung vom Museum als Tempel der Künste und vom Künstler als göttlichem Schöpfer. Der innovative, weltliche und pragmatische Gedanke einer Kunsthalle – als multifunktionalem Gebäude für temporäre Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, samt Künstlerateliers und einem Restaurant – wurde in der hohen poetischen Sprache der Museumsallegorie verklärt. Diese Sprache muss schon 1868 – dem Jahr, in dem die Basler Seidenfärber und Bandweber streikten; ein Jahr vor dem Basler Kongress der Internationalen Arbeiter-Association, der Ersten Internationalen, und drei Jahre, bevor sich Gustave Courbet der Pariser Kommune anschloss – abgedroschen, wenn nicht gar überholt geklungen haben. Und man hat noch immer den Eindruck, als habe der Kongress hier nie stattgefunden und als habe es die Kommune nie gegeben, wenn neugierige Reisende oder Geschäftsfreunde – unter ihnen viele Museumsdirektoren – nach Basel kommen und mich fragen: „Was wird denn gerade in Ihrem Museum gezeigt?“
Übersetzt von Claudia Kotte

—von Adam Szymczyk

Adam Szymczyk ist Direktor der Kunsthalle Basel.