Privatwirtschaft

Museumspolitik

Geht es im Skandal um Peter Noever und Gerald Matt um deren Verhalten als Direktoren? Oder geht es um grundlegendere Strukturen?

Jessica Craig-Martin, Real Wasps Arrive, Denice Rich Benefit Gala, 2006, 2007

Ende Februar 2011 war der Direktor des Österreichischen Museums für angewandte Kunst/Gegenwartskunst (MAK), Peter Noever, zurückgetreten. Mehrmals hatte er anlässlich des Geburtstags seiner Mutter Partys im Museum gefeiert. In seiner Rücktrittserklärung gestand er ein, er hätte „die Veranstaltungen – auch wenn sie dem Museum genützt haben – der Privatsphäre zuordnen müssen.“ Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen, der Noever für einen „Großmeister der Verschwendung und Vetternwirtschaft“ hält, hatte mittels einer parlamentarischen Anfrage zur Verwendung der Gelder letztlich den Rücktritt ausgelöst. Die Bezeichnung „Direktorenschreck“, wie die Tageszeitung Die Presse den grünen Ex-Künstler in einem ganzseitigen Feature nennt, hat sich Zinggl aber auch durch weitere Interventionen erarbeitet: Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, muss sich möglicherweise für die – allesamt gescheiterten – Versuche vor Gericht verantworten, besonders betuchten Spenderinnen und Spendern zur österreichischen Staatsbürgerschaft zu verhelfen. Zinggl hatte Matt im April 2011 deswegen angezeigt. „Es kann nicht sein,“ so Zinggl laut 3sat, „dass reiche Leute sich die Staatsbürgerschaft erkaufen unter dem Deckmantel des Kunstförderns.“ Bis dato bleibt Matt aber im Amt.

Dass es mit Noever und Matt nun zwei große Zampanos des Wiener Kunstlebens erwischt hat, sollte nicht dazu verleiten, moralische Urteile über einzelne Personen zum zentralen Gegenstand der Debatte zu machen. Die Motive sind struktureller Art. Strafrechtlich relevante Handlungen mit dandyhaftem Auftreten und Limousinenfahrten zu vermischen und als persönliche Merkmale der Kunstbosse in die moralische Waagschale zu werfen, so wie Zinggl es tendentiell tut, wiederholt nur die Geste des Boulevardjournalismus. Frei von solch diskursiver Verquickung, die scharfe Waffe der Gegner, sind selbst die Freundinnen und Freunde nicht. Nur handeln sie unter umgekehrten Vorzeichen. Auf der Homepage propeternoever.at bezeugen Protagonisten österreichischer und internationaler Kunstprominenz ihre Solidarität mit dem Zurückgetretenen: Zaha Hadid bezeichnet Noever als „close friend“ und alle sind sich im Grunde mit Marko Lulic einig über die enormen „Leistungen, die er für die österreichische und internationale Kunstszene vollbracht hat.“ Als hätten die Verdienste – viele rechnen Noever hoch an, dass er das MAK vom Kunstgewerbemuseum zu einem zeitgenössisch orientierten Haus umstrukturierte und das Schindler-Stipendiatenprogramm in Los Angeles initiierte – etwas mit den Anschuldigungen zu tun, vermischen auch die Wehklagen über deren Aufdeckung Leistung und Verfehlung des Direktors: Noever sei einer „Hexenjagd“ (Erwin Wurm) zum Opfer gefallen von Vertretern „einer kunstfeindlichen Politik“ (Roberto Ohrt), vom „österreichischen Kleingeist“ (Hans Weigand). Wenn diese am Werk sind, man ahnt es, führt das unweigerlich dazu, einem „Austro-Neo-Provinzialismus“ (Wolfgang Denk) zur Durchsetzung zu verhelfen. Dramatisch warnen die Homepage-Initiatoren daher: „Das lokale Mittelmaß darf nicht dominieren!“ Und der Schriftsteller Robert Menasse fordert gar die Selbstzensur. Er ersucht die Grünen „um kulturpolitisches Schweigen“, bis sie Zinggl durch einen anderen kulturpolitischen Sprecher ersetzt hätten.

Mittlerweile ist im Übrigen mit Christoph Thun-Hohenstein längst ein Nachfolger für Noever gefunden, dem als ehemaligem Mitarbeiter des Außenministeriums und Leiter des Österreichischen Kulturforums in New York etwas sicher nicht nachgesagt werden kann: Mittelmäßigkeit und Provinzialismus. Dass der Spielverderber als Provinzler und Provinzialisierer dargestellt wird, gehört allerdings zum Spiel wie das Durcheinanderbringen von Privatem und Geschäft. Das Spiel meint hier die Regeln und Funktionsweisen des künstlerischen Feldes: Mehr denn je praktizieren wir alle, die wir daran beteiligt sind, solche Hybridpraktiken. Verkaufsgespräche werden auf der Party geführt, die Kunstkritiken mit Fahrt- statt Zeilengeld bezahlt – und wer macht oder braucht hier schon Verträge? Die Welt der Gegenwartskunst lebt vom Inoffiziellen und Informellen. Das ganze Feld, schrieb Isabelle Graw 2008 in ihrem Buch Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur, zeichnet sich durch die „Vermischung von uneigennütziger Freundschaftsbeziehung und Berufskontakt“ aus. Warum also nicht auch den Freunden einen netten Partyabend oder jenen die Staatsbürgerschaft verschaffen, die künftig möglicherweise die Ausstellungen finanzieren?

Es gibt Gründe. Man bringt Privates und Geschäftliches durcheinander, notgedrungen, strukturell. Aber es bedarf der Grenzen. Gesetze können solche Grenzen markieren. Sie garantieren ein Minimum an Transparenz. Diese wiederum braucht es, damit legitimes Netzwerken überhaupt noch von mafiösen Machenschaften unterscheidbar ist. Noever selbst schien in dieser Hinsicht schlauer als seine Unterstützer, indem er eingestand, die Partys seien eben Privatangelegenheit – „auch wenn sie dem Museum genützt haben.“ Die Anhäufung symbolischen Kapitals, wie etwa hier die Mehrung des Prestiges für das Museum, darf eben nicht um jeden Preis betrieben werden. Die Empörung der Intellektuellen gegenüber der vermeintlichen Erbsenzählerei des Grünen-Kultursprechers hat den Beigeschmack eines Reflexes der Hedonisten gegenüber dem Kleinbürger. Zudem läuft sie Gefahr, jenem Eine-Hand-wäscht-die-andere-Phänomen zu sekundieren, das in Österreich „Freunderlwirtschaft“ genannt wird und das Abweichler wie überall diskreditieren muss („Mittelmaߓ, „kunstfeindlich“, „provinziell“). Lange Amtszeiten – Noever war knapp 25 Jahre im Amt, Matt ist es seit 15 – fördern zudem eine Platzhirschökonomie, von der über die Jahre viele profitieren. Demokratisch und transparent allerdings ist sie nicht. Um diesen Kriterien auch im Kunstmilieu zur Realisierung zu verhelfen, wäre nicht etwa aufgeregtes Feinderltum angebracht, sondern Professionalität.

—von Jens Kastner

Dr. Jens Kastner unterrichtet Ästhetik und Kultursoziologie an der Akademie der bildenden Künste Wien.