Reisende Zeitzeugen

Sammlungen

Über Postkarten und die Begegnung mit einem Basler Pionier der Konzeptkunst

Daniel Buren, Foto-Souvenir, „Chez Georges“ in situ, Restaurateur Chez Georges, Paris, 1974 (Vorderseite)

Kürzlich in der Kunstbibliothek zu Berlin entdeckte ich meinen Namen auf der Empfängerseite einer Postkarte aus dem Jahr 1977. Genauer: „Rolf und Barbara Preisig, Wettsteinallee 6, CH-4058 Basel“. Die Postkarte, Teil des Bestandes der renommierten Sammlung von Egidio Marzona, gleicht auf den ersten Blick einer handelsüblichen Ansichtskarte. Allerdings ist die Bildseite als Foto-Souvenir eher schlecht geeignet. Die unspektakuläre Fotografie des Restaurants Chez Georges wird von markanten Markisen und einem Auto fast verdeckt. Der Schlüssel zur Karte liegt im Kleingedruckten auf der Rückseite. Dort ist zu lesen: „Auf den Markisen rund um das Restaurant an der Ecke der Rue Débarcadère und des Boulevard Pèreire wurden der fünfte Streifen von rechts und der fünfte Streifen von links auf beiden Markisen von Daniel Buren mit weißer Acrylfarbe übermalt. Installiert am 22. September 1974.“ Der wahre Absender dieser Karte ist also nicht Georges, sondern Daniel Buren, und das Bild dokumentiert eine seiner Arbeiten in Situ aus dem Jahr 1974, für die er Markisen mit den für ihn typischen Streifen verwendete. Diese Postkarte ist ein kleines Kunstwerk, dazu eine wunderbare Zeitzeugin, die auf ihrer Reise beträchtliche Distanzen zurückgelegt hat, von Paris nach Basel und über Umwege nach Berlin.

Diese Empfängerin, meine unbekannte Namensvetterin und ihre Verbindung zu Buren zogen mein besonderes Interesse auf sich. Beim weiteren Durchstöbern der Kisten und Ordner der Sammlung stieß ich jedoch nicht mehr so sehr auf Barbara, dafür vermehrt auf den Namen ihres damaligen Mannes, Rolf Preisig, der bald auch in der Rolle des Absenders auftrat. Die Karten von Preisigs Galerie luden in den 1970er Jahren zu Ausstellungen von Lawrence Weiner, Robert Barry, Bernd und Hilla Becher, On Kawara oder eben Buren nach Basel ein. Preisig tummelte sich also inmitten dieses illustren Reigens des „Who’s Who“ der frühen Konzeptkunst, der sich mir im Archiv über die Absender-, Künstler- und Empfängernamen allmählich erschloss.

Einladungskarten waren (und sind bis heute) ein gutes Netzwerkinstrument und ein Indikator für den Status in der Kunstwelt. Diese sozialen Implikationen der Postkarten hatte auch Kawara zu nutzen gewusst. In der Serie „I GOT UP AT… “ hat er seine Freunde zwischen 1968 und 1979 mit schätzungsweise 8.000 Karten beschenkt. Und die haben ihre Karten sicher genau gezählt. Denn wer sich seiner Stellung in der Szene der Konzeptkunst nicht ohnehin schon gewiss war, musste diese Geschenke per Post wie eine Art Ritterschlag empfunden haben. Unter den Adressaten waren Kasper König, Konrad Fischer und Harald Szeemann. Und wieder Preisig.

Daniel Buren, Foto-Souvenir „Chez Georges“ in situ, Restaurateur Chez Georges, Paris, 1974 (Rückseite)

Nach mehreren Begegnungen dieser besonderen Art entschied ich mich dazu, nach Preisig zu suchen – sozusagen auf dem entgegengesetzten Weg der Postkarten, vom Archiv zum Empfänger zum Absender und zurück zum Ursprung ihrer Geschichten. Die Suche war einfach, in einschlägigen Kreisen ist der Name bekannt. Preisig lebt seit längerem in Zürich. Er hat eine schöne Wohnung mit Seeblick, besitzt unzählige Bücher und ausgewählte Kunstwerke, die seine Pionierarbeit als Galerist belegen, und von denen er tatsächlich glaubt, dass sie heute niemanden mehr interessieren. Er war einer der ersten, der die Gründerväter der Konzeptkunst in der Schweiz ausgestellt hatte, wenn auch mit geringem Erfolg. Bereits 1979 musste er seine Galerie aus finanziellen Gründen wieder schließen. Dass die Schweizer Kunstwelt auch Ende der 1970er Jahre noch keinen Gefallen an der Konzeptkunst fand, muss schon nachdenklich stimmen.

Bei meinem Besuch erzählte mir Preisig von den 45 Postkarten, die Kawara ihm 1977 aus New York und Berlin geschickt hatte. Oft zu niedrig frankiert, musste er, um die Karten in Besitz nehmen zu können, auf dem Postamt ein Strafporto nachzahlen. Als Beleg dafür schmückte der Beamte die Karte zusätzlich mit einer Schweizer Briefmarke und vollendete gleichsam das Kunstwerk. Überhaupt, so Preisig, hätte die Post damals unglaublich sorgfältig gestempelt und geklebt. Er hat diese Postkarten sehr geliebt und bereut inzwischen, dass er sie in einer Zeit finanzieller Not an einen befreundeten Galeristen verkauft hat. Wo sie heute sind, weiß er nicht. Die Vorstellung aber, dass die an ihn adressierten Postkarten jetzt in der Wohnung irgendeines Herrn Meier hängen, findet er eher befremdlich. Auch damit, dass seine Einladungskarten eines Tages in den Staatlichen Museen zu Berlin, und, wohlgemerkt, in der Sammlung Marzona landen würden, hätte er nicht gerechnet. Als Marzona seinem alten Bekannten vor einigen Jahren einen unerwarteten Besuch abstattete, hatte Preisig ihm bereitwillig einen Stapel an Einladungskarten zu einem symbolischen Betrag überlassen. Dass seine Arbeit heute aber von öffentlichem Interesse ist, bereitet ihm Genugtuung und Freude.

Wie es scheint, setzen die Karten ihre Reise alleine fort. Und das hat eigentlich auch sein Gutes. Sie tragen ihre eigene Geschichte der Konzeptkunst weiter. Und wenn sie entdeckt werden, führen sie immer wieder auf sicherem Weg zurück zu Preisig.

—von Barbara Preisig

Barbara Preisig ist Kunstwissen­schaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Zürich und Berlin. Ihr Dissertation­sprojekt untersucht ephemere Werkformen der Konzeptkunst der 1960er und 70er Jahre.