Transparenz II

In einem Wort

In dieser Serie bittet frieze d/e KünstlerInnen, KuratorInnen oder AutorInnen, über ein Wort und seine Wirkung nachzudenken

Metahaven, WikiLeaks, 2011 (Courtesy: Metahaven; Fotografie: Meinke Klein)

Seit den Enthüllungen von WikiLeaks gibt es einen neuen Typus von Transparenz. Wir nennen ihn Black Transparency. Er ist weniger ein Angriff auf Regierungen als auf die Paradigmen, die dem Regieren zu Grunde liegen – und auf den privilegierten Zugang zu Informationen, der damit einhergeht. Black Transparency steht nicht allein, sondern ist Teil einer globalen Bewegung, die inzwischen als „Occupy“ und „Anonymous“ einige Bekanntheit erlangt hat. Sie nimmt dem Staat Güter von fundamentaler Bedeutung und macht sie wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie bewahrt öffent­liche Räume, öffentliches Geld und öffentliche Informationen, die eigentlich schon immer den Bürgern gehörten, davor, mit einem System zugrunde zu gehen, das unsinnigerweise mit deren Verwaltung beauftragt war.

Wie arbeitet Black Transparency? Es fehlt nicht an Orten, an denen die Bewegung in Erscheinung treten kann. Und doch stehen alle diese Orte unter der Kontrolle von Regierungen, ihren Gerichten und Cyber-Armeen. Mit der weltumspannenden Cloud der sozialen Medien und des Internets hat Black Transparency ein pulsierendes Kraftzentrum, das in seiner Vielgestaltigkeit und chaotischen Struktur zwar nicht unter Kontrolle zu bringen ist, das sich faktisch aber auf den Territorien von Ländern und damit im Herrschaftsbereich staatlicher Souveränität befindet. Black Transparency nimmt deshalb ganz unterschiedliche Erscheinungsformen und Ausprägungen an, um die rechtlichen und politischen Schlupflöcher jener Staaten zu nutzen, deren Legitimität die Bewegung in Frage stellt. Vorübergehend siedelt sich Black Transparency außerhalb rechtlicher Zuständigkeiten an und schafft so kurzlebige informationelle Steuer­oasen. Da sie auf das Umgehen gesetzlicher Bestimmungen – und Macht – baut, ist diese Bewegung nicht nur transparent, sondern auch finster: Black Transparency.
Übersetzt von Michael Müller

—von Metahaven

Black Transparancy _ist die nächste Publikation der von Vinca Kruk und Daniel van der Velden gegründeten Amsterdamer Design- und Denkwerkstatt Metahaven. 2010 erschien mit_ Uncorporate Identity _(Lars Müller Publishers) eine umfangreiche Sammlung, die Themen wie Hoheitsrechte im Internet, postkommunistische Architektur, Markenbildung in der visuellen Repräsentation des Kriegs gegen den Terror und die vernetzte Macht eines Branding von Staaten unter Designaspekten beleuchtet._