In dieser Serie bittet frieze d/e KünstlerInnen, KuratorInnen oder AutorInnen, über ein Wort und seine Wirkung nachzudenken
Aydan Murtezaoğlu, Karatahta, 1992–2002
Zum ersten ernstlichen intellektuellen Zerwürfnis mit meinem Vater – einem Ingenieur aus Leidenschaft – kam es, als ich von meinem Entschluss erzählte, einen Abschluss als Übersetzerin zu machen. In seinen Augen war das Übersetzen eine interessante, doch im Grunde nebensächliche Sache; für mich dagegen war sie der Schlüssel zu einem Wunderland, in dem ich die spezifischen Kontexte verschiedener Sprachen bewältigen, mir ganz unterschiedliche Spezialwortschätze mitsamt ihrer Geschichten aneignen und zudem noch Ideen über eine Sprachkluft hinweg vermittlen konnte. Während meiner Studien, die von einem geradezu obsessiven Interesse an etymologischen Fragen vorangetrieben wurden, fühlte ich mich eher zu Fragen der Semiotik und, ironischerweise, auch zur Frage der Unübersetzbarkeit hingezogen.
Das Zerwürfnis mit meinem Vater könnte als Symbol für die komplexe Beziehung zu Sprachen in der Türkei verstanden werden, einschließlich der Beziehung zum Türkischen selbst. Beim Umbau der Türkei zur Republik im Jahr 1923 war ein grundlegender Wechsel vom Lisân-ı Osmânî (dem Osmanischen, einer ausgewogenen Mischung aus Türkisch, Persisch und Arabisch, einer übersetzten Sprache der Übersetzung) zu einer rationalisierten Version des Türkischen, die sich auf ein lateinisches Alphabet mit 29 Buchstaben stützt, Teil der Revolution. In der Schule hat man uns beigebracht, der Wechsel von der arabischen zur lateinischen Schrift sei notwendig gewesen, da das Osmanische viel zu kompliziert sei, um vom gemeinen Volk erlernt und gebraucht zu werden. Die Folgen waren allerdings ein brutaler Bruch mit der imperialen Vergangenheit und die Traumatisierung der kollektiven Imagination. Es reicht schon, sich vorzustellen, wie die Überlieferung und Übersetzung von Ideen innerhalb desselben Kontextes in sich zerbricht, sobald man nicht mehr in der Lage ist, Zeitungen zu lesen, die vor 100 Jahren veröffentlicht wurden. Das ist auch der Grund, warum das heutige Türkisch vielfältige alltägliche Idiome und Ausdrucksweisen mit mächtiger literarischen Vergangenheit besitzt, sich aber weniger gut für die Bildung intellektueller Begriffe eignet. Vielleicht vermag deshalb ein Teil dieser – von allem Ingenieurshaften besessenen – Gesellschaft weder den Wert einer Vielfalt an Sprachen wie Kurdisch, Armenisch und Griechisch im eigenen Land zu erkennen noch das Recht der Menschen, neben dem Türkischen auch ihre Muttersprache zu lernen.
Rodschenko propagierte das Bild des Künstlers als Ingenieur, der beständig mit dem Bau der Zukunft befasst ist. Die Frage, die Übersetzer und Übersetzerinnen beschäftigt, ist eine andere: Was geht verloren und was ist zu gewinnen, wenn die Grammatik der Einbildungskraft und des Geistes so gebrochen wird? Als mich mein Vater kürzlich noch einmal an unser damaliges Zerwürfnis erinnerte, versuchte ich ihm die Kontinuität zu erklären, die ich zwischen dem Übersetzen und dem Kuratieren in meiner Arbeit sehe. Die Übersetzer-Frage gibt mir nicht nur ein Werkzeug für Veränderungen an die Hand, sie liefert mir zugegebenermaßen eine wenn auch prekäre Basis für eine Produktion neuer kritischer Ansätze, mit denen ich auf die Erfordernisse der Gegenwart antworten kann. Er zog es vor, das Gespräch nicht fortzusetzen. Und ich habe es vorgezogen, diese meine Erfahrung hier zuerst in englischer Sprache zu vermitteln – die in diesem Zusammenhang als neutraler Spiegel dienen mag, und mich in die Lage versetzt, eine kritische Distanz zu meiner Muttersprache einzunehmen.
Übersetzt von Clemens Krümmel
—von Övül Durmuşoğlu