Vom Abbild zur Aktion

Stand der Dinge

Ist die Zukunft der Bilder wichtiger als ihre Vergangenheit?

Heutzutage kommt ein Bild selten allein. Der Blick auf eine beliebige Webseite genügt, um festzustellen, dass Bilder eigentlich nur noch eingewebt in ein Netz aus Text existieren – egal ob als kurzer Clip auf YouTube, als Nachrichtenbild auf einem Newsportal, als Posting bei Facebook, als Produktabbildung in einem Online-Shop oder gleich als beschrifteter Button. Immer sind Bilder ganz direkt umgeben von zusätzlichen Informationen, von Links, von Aufrufen; immer gehen Bild und Text eine beinahe unentwirrbare Symbiose ein – wie Hal Foster es in einem Interview für dieses Heft bemerkt hat. Parallel zum zugrundeliegenden technischen Aspekt – dass im digitalen Zeitalter Bilder ganz buchstäblich als Algorithmen geschrieben und auch wieder gelesen werden – ändert sich das Verhältnis von Text und Bild im Netz auf der Oberfläche der Erscheinungen. Und damit ändert sich nicht zuletzt auch der Status des Bildes selbst: Es hört auf, in erster Linie Abbild zu sein, und beginnt, Aktion zu werden.

Dass das Band zwischen Welt und Bild gerissen ist, hat nicht nur mit dem Wechsel von analogen zu digitalen Medien zu tun. Schon bevor Bilder errechnet und komplett synthetisiert werden konnten, war Manipulation möglich. Auch bevor sie in den hybriden Raum des Digitalen eintraten, erfüllten Bilder immer schon die Rolle von Akteuren – sei es in der medialen Berichterstattung, im politischen Diskurs oder in der Werbung. Und doch hat sich etwas Entscheidendes geändert: Im Regime analoger Bildproduktion wurden Bilder immer in Relation zu ihrer Entsprechung in einer dahinterliegenden (und vergangenen) „Realität“ gesetzt. Ein Bild war hier nicht nur, aber zuerst ein Ab-Bild. Bilder mögen „Larger than life“ gewesen sein, sie mögen übertrieben oder gar betrogen haben – gedacht wurden sie aber immer „nach hinten“, auf einen Ursprung hin. Welche Rolle sie auch immer erfüllten – die Dialektik zwischen einem vorne liegenden Bild und einer dahinterstehenden Welt war nach wie vor in Kraft. 

Heute aber kann man Bilder beinahe nur noch „nach vorne“ denken, in die Zukunft. Das hat damit zu tun, dass Produktion und Distribution beginnen, in eins zu fallen; damit, dass der Abstand zwischen dem Anfertigen eines Bildes und seiner Verbreitung gegen Null tendiert. Ins Bild schafft es längst alles und jeder, die Frage ist eher: Wohin geht dieses Bild anschließend, und wann? Was passiert mit ihm und was macht es mit denen, die es sehen? Bilder im Netz rufen meist ganz direkt zu einer Aktion auf. Sie möchten, dass wir auf sie klicken, dass wir sie auf Facebook oder Twitter posten, dass wir sie kommentieren, verschicken oder anderweitig weitergeben. Man ist versucht zu sagen: Ein Bild ist erst dann ein Bild, wenn es nicht nur gemacht, sondern vor allem auch eingespeist und anschließend geteilt wird, wenn wir seine Aufforderung annehmen, es anzuklicken und weiterzuverlinken. Genau dafür geht es eine Allianz mit dem Text ein – es lässt sich verschlagworten und dadurch finden, es lässt sich an E-Mails anhängen, in Seiten, in Profile einbetten.

Spätestens an diesem Punkt sind Bilder beinahe pure Aktionen geworden – und beanspruchen damit eine Form von Handlungsmacht, von „Agency“, die in dieser Tragweite bislang vor allem der Sprache zu eigen war. Analog zu J. L. Austins klassischer Formel der Sprechakttheorie, „Doing something by saying something“ – dass man also mit einer Aussage oft nicht nur etwas sagt, sondern auch tut –, kann man längst behaupten: „Saying something by showing something“. Oder vielleicht noch besser: „Doing something by showing something.“ Unglaublich erfolgreiche Microblogging-Plattformen wie tumblr mit ihren gerade für die Verteilung von Bildern perfekt funktionierenden und extrem reduzierten Verlinkungs-Funktionen sind passgenau designte mediale Tools für eine derartige Logik. tumblr möchte – nicht anders, aber durchaus noch effizienter als Facebook –, dass man sich dadurch definiert, was man weitergibt. Das Prinzip heißt: „Guck mal hier und sag es weiter.“

Urheberrechtsfragen stehen einer solchen Logik natürlich im Wege und dass sich gegen die Anti-Piraterie-Gesetzesvorhaben SOPA (Stop Online Piracy Act) und ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) eine derart wirkmächtige Protestbewegung herausgebildet hat, mag Ausdruck einer Haltung sein, die das Weitergeben, Verlinken und Posten von Inhalten längst als reales Grundrecht im Netz interpretiert. Es geht hier wohl weniger darum, immer alles umsonst zu bekommen, als vielmehr um das Bedürfnis, dieser im Netz herrschenden Kommunikationslogik zu entsprechen. Man hat es hier wohl einfach mit Menschen zu tun, die buchstäblich vom Netz und seinen Formen der Ansprache subjektiviert wurden. Schließlich verkaufen auch all diese neuartigen Bild-Text-Akte, auf die sie tagtäglich antworten, kein dahinterstehendes Produkt mehr. Sie erwirtschaften ihren Mehrwert dadurch, dass sie angeklickt und weiterverbreitet werden. So gesehen protestiert hier vielleicht weniger eine Netz-Bürgerschaft gegen ein globales Firmennetzwerk als vielmehr ein neuer Kapitalismus gegen einen alten.

—von Dominikus Müller and Jennifer Allen

Dominikus Müller ist Autor und Redakteur von frieze d/e. Er lebt in Berlin.

Jennifer Allen arbeitet als Kritik und Autor in Berlin.