Wahrheit oder Pflicht

Schlafende Pferde

Über weiche Fakten, harte Eier und süße Lügen

Lüge oder nicht? Armlos oder doch lieber ohne Beine? (Fotografie: Jan Verwoert)

Sitz’ ich im Flieger Richtung Süddeutschland, sagt mitten im Gespräch die Frau hinter mir zu ihrem Freund: „Ich hab’ dich be­trogen.“ Zugehört hatte ich den beiden eh schon. Laut genug haben sie gesprochen, so wie es Menschen tun, die in großen Häusern wohnen und daran gewöhnt sind, dass Personal anwesend ist und mithört. Bin ich eben Zimmermädchen und Zeuge, hab’ ich mir gedacht. Also: Er kam gerade von einem Immobi­liendeal in Berlin und hatte schon so eine Ahnung: „Wer? Wann? Wie oft? Ah, der Geschäftskollege. Nur die eine Nacht. Gut, dass du es mir gesagt hast. Und danke, dass du mit zu meinem Vater aufs Land fährst. Er hat schon Pläne für Sonntag. Und wir müssen mit ihm noch mal über den Kredit reden.“ Unverschämt gut sahen die zwei aus, irgendwie typisch München. Ich bin mir sicher, sie haben noch ein prima Leben.

Wenn ich nur ein bisschen Geschäftssinn besäße, hätte ich die Story schon in einem Drehbuch verarbeitet und dem Fernsehen angeboten, zum Beispiel dem ZDF. Das ist in Deutschland eine der wenigen Möglichkeiten, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, habe ich gehört. Mit dem Honorar könnte ich mir dann zum Beispiel auch eine Altbauwohnung im Prenzlauer Berg leisten. Dort saß ich neulich in einem Café am Mauerpark. Kommt der Kellnerkoch mit einem Frühstücksteller aus der Küche und fragt in den Raum: „Für wen ist das Ei mit Speck?“ Eine Studentin hebt den Arm. Sofort faucht es aus der Ecke links: „Ich hab’ aber zuerst bestellt!“ Beinahe wäre ein Unrecht geschehen!

Ist das die neue Republik? Geschäftsmäßig routiniert im Umgang mit existentiellen Lügen (siehe Guttenberg und Wulff), aber pingelig genau beim Abrechnen alltäglicher Wahrheiten? Das könnte auch der Grund dafür sein, warum seit ein paar Jahren die Wendung „Fakt ist, …“ so populär ist. Sie passt so gut zu dieser Form des Umgangs mit Lüge und Wahrheit: „Fakt ist, ich habe am 17. Oktober um 23 Uhr den Avon-Berater gebumst, Liebling. Und dieses Ei ist meins!“ Passt, oder?

Aber ist das nicht zum Davonlaufen? Zum Glück sind die Flugverbindungen gut. Du kannst leicht reisen und aus erster Hand erfahren, wie Leute andernorts mit Lüge und Wahrheit umgehen. Im Vergleich muss ich sagen: Am schönsten machen das immer noch Amerikaner! Die schwanken so beständig zwischen Lüge und Wahrheit, dass sich der Unterschied aufhebt, wie bei einer Schallwelle, die so schnell oszilliert, dass man sie als stehenden Ton wahrnimmt. Deshalb kommt aus diesem Land auch so gute Popmusik; passend zum Thema zum Beispiel Little Lies (1987, Kleine Lügen) von Fleetwood Mac: „Tell me lies, tell me sweet little lies!“. Frage an die Hauptfigur im sagenumwobenen bandinternen Intrigenspiel, das zu dem Song geführt hat: „Frau Nicks, wollten Sie wirklich süße kleine Lügen?“ Zu erwartende Antwort: „Janein Janein Janein Jein.“ Wunderbar.

Die einzige Chance, die deutsche Popkultur von der erdrückenden Last des „Fakt-ist-mus“ zu befreien, wäre, von den wahren Lügen anderer Leute zu lernen! Ein Vorschlag: Wenn uns die Griechen jetzt dafür hassen, dass wir sie mit Hilfszahlungen auf die harte Wahrheit verpflichten, warum investieren wir nicht Teile des Geldes in eine Riesenlieferung Koks an Stevie Nicks? Die freut sich bestimmt und beschert uns zum Dank vielleicht nochmal einen Super­‑hit über süße Lügen.

Geschmacklos? Okay. Dann Plan B: Wir verkaufen das ZDF für einen guten Preis an einen russischen Oligarchen. Der verpflichtet sich im Gegenzug, fürs deutsche Fernsehen eine epische Telenovela zu drehen, und zwar in Wladiwostok mit speziell eingeflogenen argentinischen Darstellern. Nachsynchronisiert wird jede Episode in Eigenregie (wichtig!) von einer Gruppe Sprachschüler, die gerade angefangen haben, Deutsch zu lernen; nach dem Tatort-Prinzip jede Woche von Schülern aus einer anderen Großstadt. Rainer Werner Fassbinder ist tot und kann solche Sachen nicht mehr machen. Aber vielleicht kommen wir mit dieser Methode zu vergleichbaren Ergebnissen.

Wenn ihr beides nicht wollt, aber trotzdem der Kultur hierzulande eine Zukunft wünscht, dann lasst mich wenigstens diesen Appell an euch richten: Erzählt ihm nichts! Verschweigt es ihr! Selbst, wenn es euer gutes Recht wäre, zu sagen, was ihr wisst und zu bekommen, was euch zusteht. Vergesst Ansprüche und Fakten! Lasst das Ei vorüber­ziehen! Verkauft stattdessen lieber eure neuen Altbauwohnungen und spendet etwas von dem Erlös einer alternden Diva! Wenn nicht mir, tut es ihr zuliebe: Macht eure Lügen bitte, bitte, bitte einfach nur ein kleines bisschen süßer!

PS: Steh’ ich neulich Sonntagmittag in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zufällig neben Wolfgang Schäuble vor einem Rakel-Wisch-Bild von Gerhard Richter, und alles, woran ich denken kann, ist der Schwamm-drüber-Blues (1978) von Otto Waalkes. Ehrlich, ich wäre sofort bereit, Richter sein jahrzehntelanges berechnendes Herumgetrickse mit sinnentleerten malerischen Techniken zu verzeihen; und würde mich sofort dafür entschuldigen, dass sein Umgang mit Schein und Sein für mich nicht mehr von dem zu unterscheiden ist, was ich sehe, wenn ich bundesdeutschen Konkurs­gewinnlern beim Sylt-Urlaub zuschaue. Wirklich. Schwamm drüber! Unter einer Bedingung: Seine nächste Nationalretrospektive bekommt den Titel Richter: Willst Du Muster auf der Butter, geh’ mit dem Kamm drüber!

—von Jan Verwoert

Jan Verwoert ist Contributing Editor von frieze und lebt in Berlin