Das CERN sucht Kollisionen mit der Kunst. Über die Möglichkeiten einer philosophischen Allianz
Innenteil des CERN LHC-Teilchenbeschleunigers (Courtesy für alle Bilder: CERN, Fotografie: Maximilien Brice)
Das CERN unterscheidet sich in meiner Vorstellung nicht sonderlich von einem Science-Fiction-Film. Man soll dort Schwarze Löcher machen und sehr kleine Teilchen in sehr großen Maschinen mit Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallen lassen. Man ist auf der Suche nach dem „Gottesteilchen“ und will nichts Geringeres als den Ursprung des Universums erklären. Die passenden und bereits ikonisch gewordenen Bilder liefern die Medien: Sie zeigen fast immer nur die futuristische Anlage des Teilchenbeschleunigers des LHC (Large Hadron Collider), die mal an eine künstliche Sonne, mal an ein gigantischen Kaleidoskop erinnert. Sie setzen auf Verblüffung, Erstaunen und Überwältigung, werden zur Projektionsfläche fantastischer Zukunftsfantasien und lösen ein leises Gefühl von Ehrfurcht aus. Sie wirken ein wenig wie Werke von Olafur Eliasson – nur eben mehr science und weniger fiction.
Diesen medienwirksamen Bildern zum Trotz hat das internationalste Forschungsprojekt der Welt, an dem etliche Nationen, hunderte Institute und tausende Forscher beteiligt sind, ein Vermittlungsproblem. Das CERN muss die hohen Fördergelder der Mitgliedstaaten legitimieren und die Öffentlichkeit über ihre Ergebnisse informieren. Dass Quantenphysik nicht gerade ein Stammtischthema ist, liegt auf der Hand. Aber das Darstellen und Vermitteln bereitet längst auch den Forschern am CERN selbst Kopfzerbrechen, denn der Gegenstand der Experimente hat auch ihr eigenes Vorstellungsvermögen bereits überschritten. Oder wie soll man die vierte Dimension oder Antimaterie darstellen, außer als mathematische Formel?
Das ATLAS-Experiment: Visualisierung einer Kollision zweier Protonen
Unter dem Motto „Great Art for Great Science“ (Große Kunst für große Wissenschaft) hat das CERN nun ein Kunstprogramm ins Leben gerufen. Teil davon ist der umständlich betitelte „Prix Ars Electronica Collide@CERN Digital Arts Prize“, der zusammen mit einem zweimonatigen „Artist in Residence“-Aufenthalt am CERN vergeben wird. Der erste Preisträger ist Julius von Bismarck – übrigens ein Schüler von Eliasson. Er hatte erstmals 2007 mit einer patentierten Erfindung, dem sogenannten „Image Fulgurator“, Bekanntheit erlangt, einem Apparat, der fremde Motive in genau dem Moment in Fotografien hineinprojiziert, in dem sie von anderen geschossen werden.
Am CERN ist von Bismarck nun, um „spielerisch kreative Kollisionen von Kunst und Wissenschaft zu erzeugen“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Was man dort weiter liest, klingt wie eines dieser unzähligen interdisziplinären Projekte, in denen Kunst und Wissenschaft unter dem schillernden Begriff „künstlerische Forschung“ zusammengeführt werden sollen. „Teilchen‑
physik und Kunst sind kongeniale Partner, weil beide nach unserem Platz im Universum fragen und unter‑suchen, was es bedeutet, Mensch zu sein”, begründet Generaldirektor Rolf Heuer die Einzigartigkeit des Projekts. Aber trifft das nicht für jede Begegnung von Wissenschaft und Kunst zu? Verspricht sich die Wissenschaft tatsächlich inhaltliche Impulse von der Kunst oder geht es dem CERN einfach um einen PR-Effekt?
Das ATLAS-Experiment: Visualisierung einer Kollision zweier Protonen
Von Bismarck hat ein kleines Büro auf dem Campus, irgendwo in einem der vielen barackenartigen Lagergebäude. Tatsächlich hat das, was ich bei meinem Besuch vom CERN sehe, nichts mit meinen Phantasien zu tun. Der LHC liegt 100 Meter unter der Erde und ist gerade nicht zugänglich. Die Strahlung ist zu hoch. Und so verbringt auch der Künstler seine Arbeitszeit weniger in futuristischen Rechenzentren als in der Cafeteria und führt Gespräche mit Theoretikern und Experimentalphysikern. Sie drehen sich um Fachbegriffe wie dunkle Materie, Supersymmetrie oder Hidden Valley und um Fragen, die sich eben gar nicht mehr vorstellen, geschweige denn in der Realität überprüfen lassen. Solche Fragen stellt in der Tat nicht nur die Teilchenphysik, sondern auch die Kunst vor neue Herausforderungen. Wie erhalten derart abstrakte Gedanken eine reale Verbindung zur materiellen Welt? Hat ein Higgs in der Vorstellung Farbe und Form?
Mein Besuch beginnt erst in der Cafeteria so richtig spannend zu werden, als mir von Bismarck von der Forschung am CERN berichtet, und ich allmählich begreife, dass hier tatsächlich Science-Fiction gemacht wird. Allerdings weniger auf einer sichtbaren Ebene und mehr auf der eines abstrakten philosophischen Gedankenaustauschs zwischen Künstlern und Wissenschaftlern, bei dem Wahrnehmungs- und Darstellungskonventionen ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Von Bismarck stellt sich bereits nach den ersten zwei Wochen am CERN Alltagsgegenstände als Konglomerate von Atomen vor.
Wohin der Austausch zwischen der Kunst und der Teilchenphysik führt, lässt sich nur schwer sagen und in einer solchen Offenheit liegt ja gerade das Potenzial eines jeden Experiments. Am CERN hingegen hat man klarere Vorstellungen. Im direkten Anschluss an die Residency soll von Bismarck seine Ideen im Futurelab der Ars Electronica umsetzen, die den Preis mit 10.000 Euro finanziert hat. Mit dieser bereits festgelegten Teilnahme an der Ars Electronica berührt der zunächst experimentelle Forschungsaufenthalt am CERN wieder den Boden der Realität. Der erwartete künstlerische Output wird in die relativ engen Bahnen einer technologieaffinen Medienkunst gelenkt, deren Funktion oft genug auch darin liegt, kreative Anschubhilfe für (wirtschaftlich verwertbare) Innovationsprozesse zu liefern.
Teilchendetektor mit acht torusförmigen Magneten
Das ist schade, denn damit schränkt man die Möglichkeiten der Kunst ein, tatsächlich neue Darstellungsweisen zu erproben, die vielleicht außerhalb der üblichen technoiden Science Fiction-Fantasien liegen. Wie diese aussehen könnten? Von Bismarck erzählte von einer internen Veranstaltung am CERN: Er lud Wissenschaftler in einen dunklen Raum und schenkte schwarzen Kaffee aus. Dann unterhielt er sich mit ihnen über nichtvisuelle Bilder (wie die dunkle Materie) und darüber, was unter dem sinnlichen Einfluss von Dunkelheit und schwarzem Kaffee in unserer Vorstellung passiert. Wo die Wissenschaftler am CERN an ihre Grenzen kommen, kann die Kunst tatsächlich Vermittlungsarbeit anbieten. Sie kann ihnen bei der Darstellung ihrer Ideen helfen, kann bild- und saghaft machen, was in der Zahlenwelt untergeht. Und ein schöner Effekt wäre es, wenn man in Zukunft auch in den Medien weniger Hightech und mehr von der faszinierenden Gedankenwelt am CERN vermittelt bekäme. Denn was die Technik angeht, produziert das CERN die eindrücklichsten Bilder sowieso längst selbst.
—von Barbara Preisig