Wenn der Groschen fällt

Die seltsame Hartnäckigkeit der Klassenunterschiede in der Kunst

Reihenhaus Dichterviertel Geilenkirchen (Fotografie: Jan Verwoert)

Steh ich neulich am Automaten vorm Bahnhof meines Geburtsorts Geilenkirchen, hör ich aus dem Gerüst neben mir einen Bauarbeiter zu seinem Kollegen sagen: „Für mich auch nochenen Caffè Latte!“ Währenddessen warf der Automat meinen zerknautschten Zehner zum x-ten Mal wieder aus. Manches ändert sich, anderes kommt immer wieder zurück.
Ein bisschen so wie mit dem Klassenunterschied. In den Siebzigern geboren und entsprechend erzogen, hatte ich geglaubt, er sei abgeschafft: Bildung für alle schafft Freiheit und Gleichheit, Privilegien sind nur eingebildet usw. Egal, ob er je weg war, er ist spürbar zurück, der Unterschied. Und die Art, wie er sich zeigt, ist jedes Mal wieder gleich unerwartet konkret: Zum Essen mit Sammlern in Mexiko-Stadt holt dich deren Fahrer ab; das Seitenfenster des Wagens ist halb unten; du guckst hin, aber es dauert, bis du checkst, was du siehst. Dann fällt der Groschen. Ab dem Moment weißt du, dass du nicht wusstest, wie dick kugelsicheres Glas ist (fingerdick). Transparent und undurchdringlich, wie der Stil der Intelligentsia aus der Schicht, die heute mehr und mehr das Bildungsversprechen verkörpert. Man merkt das in der Diskussion: bei Amerikanern zum Beispiel an der bestechenden Rhetorik der Elitehochschulen-Abgänger; bei Deutschen gern auch an der ideologischen Selbstsicherheit. Wer es von Haus aus hat, kann denen, die ihr Geld noch verdienen müssen, ihre Abhängigkeit vom Markt stets beeindruckend streng moralisch zum Vorwurf machen. Denn in der Not fürchtet der Teufel die Frage: Auf welcher Seite stehst du, Kollege?
Ja, auf welcher Seite? Der Chaussee?
Stadtein- oder auswärts? Richtung Altona oder Blankenese?
Schwierig. Was, wenn weder noch?
Noch viel mehr Probleme hatte ich aber bei der Beantwortung der Frage des Steuerprüfers: „Wie kann es sein, dass Sie so viel reisen und so wenig verdienen?“ Dass ich das Geld, das mir fehlt, in der Tat nicht besitze, konnte ich leider nicht ausreichend belegen. Deshalb beweise ich meine relative Armut jetzt dadurch, dass ich dem Finanzamt Friedrichshain das wenige überweise, was ich wirklich noch habe. Logisch. Das Amt erhält den Unterschied. Hat sich da wer bewegt?
Zurück an deinen Platz!
Aber Leben geht weiter. Sagt meine Nachbarin auf der Karl-Marx-Allee. Sie hat zwei Männer und Regime überlebt. Und weil ich ihr ab und an den Müll mit runterbringe, gibt sie mir kleine Flaschen Korn, Apfelsinen und ihre Bild der Frau, wenn sie sie aus hat.
Mein Großvater hatte auch so ein Arrangement, als er nach dem Krieg
in Bautzen für russische Soldaten Tanzmusik spielte. Sie haben immer Wodka spendiert. Sein Problem war: Nimmst du ihn nicht an, sind sie gekränkt. Trinkst du ihn aber, bist du irgendwann so blau, dass du nicht mehr spielen kannst, und sie verprügeln dich deswegen. Die Lösung war ein Deal mit der Barfrau: Sie hat ihm unauffällig statt Wodka Wasser eingeschenkt und danach einen Anteil von dem Geld abgegeben für das, was er nicht trinken musste.
Unterm Strich heißt das wohl: Für wen Bezahlung noch eine existentielle Bedeutung hat, für den ist die einzige Moral, die einen Unterschied macht, die Geschäftsmoral.
Darauf, Kollegen, stoß ich an!
Zur Not auch mit Wasser.

—von Jan Verwoert

Jan Verwoert ist Contributing Editor von frieze und lebt in Berlin