Wie viel Meer ist im Fisch?

Über die Kraft der Metapher zur Verwandlung

Metaphorische Situation (Bratislava)
Fotografie: Boris Ondrei?ka

Wart’ ich neulich in Wien auf den Hotelaufzug – und der Aufzug braucht ewig –, sagt mein Begleiter: „Das ist etwas für schlafende Pferde.“ Was für eine Metapher!

Schlafende Pferde sind wirklich surreal. Ich habe jetzt erst bei Cambridge im Grünen eins gesehen. Es stand in der Landschaft wie ausgeschnitten und eingeklebt, völlig regungslos: im Schlaf in einer anderen Welt, nicht Teil von dieser. Dann hat es gezuckt. Und ist zum Leben erwacht. Als frisches Pferd.

Warum Pferde im Stehen schlafen? Im Liegen kann ihre Lunge kollabieren. Dann wachen sie auf und sind tot. Auch Eisbär Knut starb nach der Siesta. In der Bild der Frau (die mir meine Nachbarin gibt, ich berichtete) steht wie: „Er döste in der Sonne, sprang dann plötzlich auf, drehte sich verwirrt im Kreis, kippte um und fiel seitlich ins Wasser.“

Was in diesen Tieren vorgeht, ist ein Bild für das Glücken und Verunglücken von Metaphern: Metaphern sind Schlafwandler zwischen den Welten. Das besagt schon ihr Name: „über“ (meta-) die Grenze zwischen zwei Erfahrungswelten „tragen“ (-_phorein_) sie den Sinn eines Begriffs von einer Welt (z.B. Pferd auf Weide) hinüber in eine andere (z.B. Mensch im Hotel). Beim Grenzübertritt verfällt der gewöhnliche Sinn der Worte kurzzeitig in den Schlaf der Vernunft – er geht über den Jordan, stirbt einen petite mort – und erwacht auf der anderen Seite als gewandelter oder zu Tode verwirrter. So werden vor Aufzügen Wartende zu schlafenden Pferden.

Eine zum Guten gewandelte Gesellschaft wäre glücklich metaphorisch. Nach der Siesta würden sich Pferd und Eisbär mit uns im Café treffen und bei Espresso bzw. Cortado am Tresen stehend, sagen: „Puh, nochmal durchgekommen. Wohin
jetzt, wo der Sinn frei ist? Gehst du auf meine Weide, schreib ich deine Kolumne weiter? Oder du ins Eis, ich an die Sonne?“ Ich würd’s sofort machen.

Leider ist die Gesellschaft nicht so weit. Metaphern geben trotzdem einen Vorgeschmack vom Glück, besonders die konkreten: In der besten Bar von Bratislava trinkt man den Borovicka aus Tonbecherchen in Fischform, direkt aus dem Fischmund. Wenn du dann aus dem Fisch „wie ein Fisch trinkst“, lebst du die Metapher und sie trägt dich über die Grenze: Fische trinken das Meer. Zu was wirst du, wenn du aus Fischen trinkst? Zum durstigen Ozean? Die Möglichkeit besteht konkret, dank der Metapher.

Also: Auf die Metapher! Auf eine Welt, in der wir, frei nach Marx, frei sind, „heute dies, morgen jenes zu tun“, morgens munter Kritik zu üben, nachmittags zu schlafen und abends zu Ozeanen zu werden!

Darauf: Hoch die Fische!

PS: Ein enger Verwandter der Meta-_pher_ ist der Christo-_pher_, wörtlich der, der den Christus (über den Fluss) trägt: ein Handelnder!

PPS: Ich lese gerade die Ankündigung zu einer Konferenz, auf der die Sprecher klarstellen sollen, dass Kunst über keinerlei „Handlungs- und Wirkungsmacht“ verfüge und es daher ein „verzweifelter Wunsch“ sei zu glauben, sie könne etwas bewegen. Früher hat man sich zum selben Zweck den Pfaffen bestellt: um den Leuten zu sagen, dass keiner handeln kann – außer denen, die den Pfaffen bestellen –, und damit niemandem in den Sinn kommt, dass sich etwas wandeln könnte.

Darauf, dass sich Welten wandeln, auf die metaphorische Handlungsfähigkeit der Kunst und auf alle, die auf Pfaffen pfeifen.

Another fish, na zdravie!

—von Jan Verwoert

Jan Verwoert ist Contributing Editor von frieze und lebt in Berlin