Wovon wir reden, wenn wir von Pop reden ...

Stand der Dinge

Über verschiedene Begriffe von Pop

Einige Leute streiten sich über die Liebe, wir streiten uns über Pop. Statt sorglos und überschwänglich macht uns Pop zäh wie alter Kaugummi, der unter der Schuhsohle klebt. Gut, mit Pop Art ist das eine andere Sache. Problemlos können wir uns auf den Kanon einigen, den man gemeinhin unter diesem historischen Label zusammenfasst. Das kleine Wörtchen „Pop“ aber – allein oder zusammen mit „Kultur“, „Musik“ und „Leben“ – ist auf seltsame Weise bis zum Bersten vollgestopft mit Bedeutungen, die permanent polarisieren.

Unsere amerikanisierte Seite – sei sie nun tatsächlich amerikanisch oder deutsch –glaubt felsenfest daran, dass Pop vor allem eine Abkürzung für populäre Kultur ist: eine Kultur, die für alle gemacht ist. Wir erinnern uns nur allzu gerne an die Worte Andy Warhols: „Eine Coke ist eine Coke – und kein Geld der Welt kann dir eine bessere Coke kaufen, als die, die der Penner an der Ecke gerade trinkt.“ Pop mit seinem egalitären Geist gelang es, eine gemeinsame Kultur der Waren herzustellen – gerade in einem Land wie den USA, die eigentlich nie über einen ernst zu nehmenden öffentlichen Raum verfügten: zum einen wegen der
Rassentrennung, zum anderen aufgrund eines generellen Misstrauens gegenüber jeder Form der Regierung. Statt umfassender Gesundheitsvorsorge, passabler Wohnungen und bezahlbarer (aber dennoch guter) Ausbildung gibt’s für jeden einfach eine Coke. Das ist Kommunismus mit den Mitteln des Massenkonsums. Diesen trostlosen Ursprüngen zum Trotz – oder gerade wegen ihnen – macht Pop jede Menge Spaß. Ja, Pop musste geradezu unwiderstehlich sein, um das Fehlen von Rassengleichheit und sozialer Gerechtigkeit in Amerika wettzumachen. In Großbritannien mag die Lage anders sein – auch wenn das rigide Klassen‑
system den britischen Pop mit einer ähnlich egalitären Stoßrichtung versehen hat. Und am Ende mag Pop vielleicht tatsächlich besser funk­tioniert haben als die herkömmliche Idee eines öffentlichen Raums. Oder hat einer der europäischen Wohlfahrtsstaaten jemals eine Beyoncé – geschweige denn das Äquivalent zu einem afroamerikanischen Präsidenten – hervorgebracht? Ganz ehrlich: Wir können Serge Gainsbourg, Fred Buscaglione oder ABBA hochhalten, so viel wir wollen – ein Leben ohne David Bowie oder die Beatles können wir uns trotzdem nicht vorstellen.

Unsere deutsche Seite dagegen – sowohl deutsch als auch europäisch – glaubt daran, dass Pop nicht automatisch populär sein muss. Es geht hier nicht so sehr um ein Prinzip der Einebnung sozialer Unterschiede, wie es in Amerika oder Großbritannien greifen mag. Ja, man kann Pop hier wahrscheinlich gar nicht in Kategorien der Nation und der Masse fassen, da beide in Deutschland nach dem Nationalsozialismus für immer diskreditiert sind. Pop ist viel eher eine bestimmte Attitüde, ein bestimmter Standpunkt – eine einigermaßen verloren dahindriftende Blase zwischen Leibniz und Lederhosen, zwischen „E“ für Ernsthaftigkeit und „U“ für Unterhaltung, zwischen Hochkultur und Massenkultur. Pop darf weder zu populär noch zu elitär, und erst recht nicht zu deutsch werden; Pop sollte all dem gegenüber irgendwie kritisch bleiben. Statt auf Andy Warhol könnte man sich hier eher auf die Performance Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus beziehen. Gerhard Richter, Konrad Lueg und einige andere hatten es sich unter diesem Titel 1963 demonstrativ in einem Möbelgeschäft gemütlich gemacht, das vollgestopft war mit den Insignien der westdeutschen Wirtschaftswunderjahre (die – nur am Rande bemerkt –  vom amerikanischen Marshallplan ins Rollen gebracht worden waren). Statt einer affirmativen Feier der Massenkonsumkultur ging es hier um eine sarkastische Kritik am Sich-Einrichten in einer schönen, neuen Warenwelt, die wie geschaffen dazu war, die Geschichte zu vergessen. Kapitalistischer Realismus war darüber hinaus zu verstehen als verdrehte, doch kritische Antwort auf jenen sozialistischen Realismus, der jenseits des eisernen Vorhangs gelebt wurde. Vielleicht suggerierte die Rede vom Leben mit Pop aber auch, dass es keine Alternative gab: keine andere Wahl, als mit ihm zu leben.

Wer hat also recht? Sollen wir Pop feiern oder kritisieren? Tanzen wir zu amerikanischen Songs auf den tanzenden Tischen, an deren Beispiel Marx zum ersten Mal den Waren-Fetisch theoretisiert hat, oder verschmähen wir sie? Vielleicht ist es aber auch einfach besser, die ganze Sache angesichts so vieler Meinungsverschiedenheiten abzublasen. Nach endlosen Streitereien können wir uns einfach darauf einigen, dass Pop in all seinen traditionellen Manifestationen vorbei ist: von Kunst bis Kultur, von Musik bis Leben. Die Digitalisierung scheint den traditionellen Industrien der Massenkultur – Musik, Film, Literatur, Fernsehen – den Rest gegeben und den Aufstieg einer individuell zugeschnittenen Kultur begünstigt zu haben. Im Februar 2010 sagte Douglas Coupland, der Schriftsteller und Theoretiker der Generation X, in einem Interview mit der New York Times, bei Harry Potter, Taylor Swift und Avatar handele es sich nicht um „große kulturelle Megatrends wie etwa Disco, in die einfach alle involviert waren. Heutzutage ist jeder so etwas wie seine eigene Mikrokultur, eine eigene Nanokultur, eine eigene Generation.“ Kurz: Jeder Ipod ist sich selbst seine eigene Top20. Für eine in Deutschland verbreitete Idee von Pop kam dieses Ende schon viel früher, um genau zu sein, im Jahr 1992. Damals schrieb Diedrich Diederichsen in der Spex seinen Aufsatz The Kids are not alright. Angesichts der Bilder von rechtsradikalen Jugendlichen, die bei ihren Attacken auf Asylantenheime T-Shirts eigentlich linker Bands sowie Baseball-Kappen mit dem X von Malcolm X trugen, hatte Pop sein kritisches Potential, sein historisches Bewusstsein und seine Fähigkeit zur Distinktion zwischen Gut und Böse ein für alle Mal verloren.

Ist es möglich, das kollektive Versprechen von Pop wiederherzustellen, sei es affirmativ oder kritisch? Machen Unterscheidungen und Konflikte zwischen amerikanischem, britischem und deutschem Pop heutzutage überhaupt noch Sinn? Hat nicht Facebook die Rolle der gemeinsamen Erfahrung übernommen, die Pop einst hatte, wenn auch ohne einen spezifischen kulturellen Inhalt? Oder hat sich Pop verwandelt und findet anderswo statt, näher dran am individuellen Körper und weniger in der Masse – beim Kochen vielleicht, in der Haute-Couture-Mode oder gar der Pornografie? Sogar zeitgenössische Kunst ist aus ihren Spezialistenzirkeln ausgebrochen und zum Massenphänomen geworden. Aber wenn das populärste Element von Pop individueller Geschmack und Kreativität ist, dann ist es schwer, von einer gemeinsamen Kultur zu sprechen. Vielleicht ähnelt Pop jetzt einfach der Liebe: persönlich und idiosynkratisch – und ein klein wenig blind.

_Jennifer Allen ist Chefredakteurin von frieze d/e.
Dominikus Müller ist Redakteur von frieze d/e._

—von Jennifer Allen and Dominikus Müller

Jennifer Allen arbeitet als Kritik und Autor in Berlin.

Dominikus Müller ist Autor und Redakteur von frieze d/e. Er lebt in Berlin.