Asta Gröting

Berlin, Deutschland

Carlier Gebauer

Asta Gröting, Die Reisekutsche von Goethe, der Mercedes von Adenauer und mein smart, 2012, Ausstellungsansicht

Drei weiche Polyurethan-Formen – lebensgroße Abgüsse der Unterseiten von Johann Wolfgang von Goethes Kutsche, von Konrad Adenauers Limousine und vom eigenen Smart der Künstlerin – liegen flach auf dem Galerieboden ausgebreitet.
Ihre Räder zeigen allesamt nach oben, und so erinnern einen die Vehikel an die zerfallenden Gerippe gewaltiger, mit hochgestreckten Füßen auf dem Rücken liegender Tiere, die halb im Boden versinken.

Ausgehend von diesem Trio gestaltet Gröting deutsche Geschichte als von Natur, Krieg und heutigen Formen städtischen Alltagslebens beeinflusste Evolution von Formen. Im Zuge der technologischen Entwicklung werden diese Formen immer kleiner, flacher, aber auch vergesslicher. Die bis zu ihren sanft geschwungenen Kurven aus beigem Polyurethan nachgeformte Reisekutsche von Goethe (2012) lässt einen an die gewundenen Landstraßen denken, die der Dichter auf seinen wohldokumentierten Reisen, insbesondere nach Italien, befahren haben muss.

Der Mercedes von Adenauer (2012) – ein 300er Modell des Baujahrs 1951 – war für den größten Teil von Adenauers Amtszeit als Bundeskanzler Westdeutschlands (1949–63) dessen offizielle Staatskarosse. Adenauer wird oft als derjenige dargestellt, der Deutschland aus der Gewaltsamkeit des Zweiten Weltkriegs in ein schönes neues Wirtschaftswunder führte. Auf dem Weg zum Wiederaufbau bleibt diese üppig aus­gestattete gepanzerte Limousine aber in gewisser Weise in der Vergangenheit stecken, stellte doch Mercedes-Benz auch schon Adolf Hitlers Fahrzeuge her. Gröting hat dieses Autochassis aus schwarzem Polyurethan und in Form aufeinandergelegter dünner Grundrissschichten nachgebaut: eine in terrassierten Höhenlinien angelegte Topografie deutscher Virulenz und Vergesslichkeit.

Grötings eigenes Auto – _Mein smart_ (2011) –, das vom Schweizer Uhrenhersteller Swatch entwickelt wurde, und von Mercedes-Benz produziert wird – vervollständigt die Trilogie und platziert die Künstlerin zugleich selbst in dieser Verlaufslinie deutscher Geschichte. Das winzige Auto mag zwar ziemlich unglamourös daherkommen, ermöglicht aber praktische Intimität für heutige (kinderlose) Paare, die mit ihm in den engen Stadtgassen immer einen Parkplatz finden können. Die Abformungen von Kutsche und Mercedes erfolgten mit Hilfe eines technologisch avancierten 3D-Scan-Verfahrens, nur der Smart – Grötings Vorschlag für weibliche Teilhabe
an einer männlichen Geschichte – war von Hand von dem auf die Seite gelegten Auto abgeformt. Auf fast didaktische Weise führt Gröting vor, wie sich aus einem dramatischen und gefahrvollen Leben der Vergangenheit das heutige flache, unspektakuläre und angenehme entwickelt hat.

Dieser mechanischen Geschichte der Fahrzeuge setzte Gröting mit zwei früheren Werken Sentimentalität, Intimität und Wärme entgegen – _Abformung einer Familie_ (2011), einen Bronzeabguss ihrer eigenen Familie sowie Space Between Lovers / Unfolded (Der Raum zwischen zwei Liebenden/aufgefaltet, 2008), eine Silikonabformung des Zwischenraums zwischen einer Frau und einem Mann, die an den Genitalien ineinander übergehen und sich von da aus entfalten. Ein Blick in die Kunstgeschichte lässt Grötings weiche Monumente in Dialog mit Claes Oldenburgs ebenso weichen Pop-Art-Statuen treten, aber auch mit konzeptuell verstan­denen Akten des Vergrabens von Sol LeWitts Buried Cube (Vergrabener Würfel, 1968) bis zu Robert Smithsons Partially Buried Wood­shed (Teilweise vergrabener Holzschuppen, 1970) oder gar zu Mark Dions archäologischen Grabungen (wie etwa in Rescue Archaeology, Rettungsarchäologie, 2005 im MoMA zu sehen). Bei letzteren Arbeiten standen Prozesse der Zersetzung, des Verfalls und der Erosion im Zentrum. Die in Grötings Ausstellung auf dem Boden liegenden Werke haben dagegen nichts Organisches an sich. Silikon und Polyur­ethan – synthetische und äußerst widerstandsfähige Materialien – bleiben natürlichen Abnutzungsprozessen gegenüber immun.

Übersetzt von Clemens Krümmel

—von Tal Sterngast