Technisches Museum & ERSTE Stiftung
Adrian Paci, Turn On (Anschalten), 2004, Videoprojektion
Der ungewöhnliche und doch überzeugende Ort dieser ein Jahr währenden Ausstellung zeigt beispielhaft, wie unaufdringlich sich zeitgenössische Kunst auch Nicht-White-Cube-Bedingungen anzupassen versteht, ohne ins Schlingern zu kommen. Die Schau, vom Wiener Technischen Museum – Heimat bahnbrechender technologischer Erfindungen – veranstaltet, präsentierte Werke von Pavel Braila, Anna Jermolaewa, Daniel Knorr, Ulrike Lienbacher, Harun Farocki, Adrian Paci und Anne Tallentire. Es waren vor allem Videoarbeiten, die im gesamten Museum Seite an Seite mit überlebensgroßen Artefakten vergangener Epochen zu sehen waren.
In der wuchtigen Eingangshalle ließ Jermolaewa die Besucher auf eine großformatige, an ein Jahrbuch im Sowjetstil erinnernde Fotoinstallation auf einer Wandtafel aus drehbaren prismatischen Elementen stoßen. Ihre Tafel der Ehre (2012) zeigt Porträts der Museumsangestellten – von Konservatoren bis hin zu Reinigungskräften –, angeordnet in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Familiennamen. Die sozioökonomische Hierarchie des Museums wird auf der Ebene der Buchstaben eingeebnet.
Schlenderte man zwischen den Dinosauriern des Industriezeitalters umher, so konnte man alsbald auf die packende Arbeit A Tribute to the Typewriter: The Ink Ribbon’s Fingerprints (Eine Hommage an die Schreibmaschine: der Abdruck des Farbbands, 2012) treffen. Der Film war oberhalb von Vitrinen projiziert, in denen eine Ahnenreihe historischer, von Braila aus der Museumssammlung ausgewählter Schreibmaschinen zu sehen. In Form einer Zusammenstellung aus kommentierten Clips und Animationen bewegte sich ihr Film von der ersten Patentschrift für Henry Mill aus dem Jahr 1714 über den Einsatz der Schreibmaschine in Industrie, militärischem Ingenieurswesen, Politik, Literatur und Medientheorie bis hinein in die vorwiegend weibliche Arbeitswelt der Sekretärinnen. Immer noch, so konnte man hier feststellen, sind wir mit dieser Vergangenheit durch unseren Gebrauch einer schlichten Tastatur verbunden.
Oben in den Dachbalken eines anderen Ausstellungsbereichs konnte man eine Anordnung motorgesteuerter Überwachungsspiegel von Ulrike Lienbacher entdecken. Die silbrig glänzenden Konvexspiegel der Arbeit Detektive (2012) hingen an langen Streben, schienen sich in alle Richtungen zu verdrehen und dabei doch eine unter ihnen ausgestellte Dampfmaschine im Auge zu behalten. Sie etablierten eine Verbindung, durch die sich die historische Verschiebung von der handwerklichen Fertigung zu den heute gebräuchlichen Sicherheitssystemen vermittelte. Lienbachers Lowtech-Spiegel mögen Vorformen von Überwachungskameras sein, deuten aber doch auch auf eine Automatisierung hin, die menschliches Wachpersonal überflüssig werden lässt.
Daniel Knorr, Lui und Morti, 2002
Knorrs Bettelroboter Alpha & Beta (2012) – die sich auf die berühmten Robotergesetze des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov beziehen – waren in einem der museumseigenen erbsenförmigen Fiberglas-Pavillons aufgebaut. Beim Betreten dieser Struktur traf man auf einen panoramaartigen Leuchtkasten, der mit Fotografien dreier stümperhaft gestalteter Metallroboter bestückt war, welche wiederum sowohl in Form schematischer Zeichnungen als auch fertiger Prototypen zu sehen waren. Ein komplett fertiggestellter Roboter stand draußen vor dem Pavillon, bereit, als interaktive Skulptur zu fungieren: Aktivierte man ihn mithilfe einer am Rücken angebrachten Kurbel, gab er ein Kompliment zum Besten und bettelte sogleich um eine Münze zur Aufrechterhaltung seiner Lebensfunktionen.
Die Entwicklung von Arbeit, Ökonomie und Produktion enthält eine starke menschlichen Komponente: Technologie wirkt einerseits produktivitätssteigernd, andererseits macht sie Handarbeit zunehmend überflüssig. Menschen werden regelrecht aussortiert und an die Ränder der Gesellschaft gedrängt. Packs Videoarbeit Turn On (Anschalten, 2004) macht das noch einmal deutlich; sie zeigt verlassen auf Betonstufen dasitzende und wartende Männer im albanischen Shkodra. Mit Anbruch der Dunkelheit wirft jeder seinen eigenen Generator an –Elektrizität ist hier mitunter ebenso rar ist wie Jobs. Die Eisenbahn – die noch immer Wanderarbeiter aus Osteuropa nach Österreich befördert – hat dagegen ihren Auftritt in Jermolaewas Video Nordbahn (2012). Diese Aufnahmen von Interviews, die die Künstlerin mit Pendlern geführt hat, waren auf drei neben einer Ajax-Lokomotive platzierten Monitoren zu sehen – einem Modell, das 1838 Österreichs erste dampfbetriebene Eisenbahn zog.
Ironischerweise hatte der Monitor, auf dem Farockis Film Vergleich über ein Drittes (2007), eine Vergleichsstudie über Ziegelherstellung in Afrika, Asien und Europa zu sehen sein sollte, einen technischen Defekt. Durch ihre gesamte Ausstellung hindurch betonten die beiden Kuratoren Christiane Erharter und Silvia Eiblmayr soziopolitisch-ökonomische Probleme im Verhältnis zu Technologie und Arbeit. Angesichts des derzeitigen Anstiegs der Arbeitslosenraten konnte man den leblosen Monitor ja vielleicht auch als Solidaritätsbekundung an die Adresse der Arbeiter verstehen.
Übersetzt von Clemens Krümmel
—von Max Henry