Galerie M29
Katarina Burin, Hotel Avignon, 2010–12
Die Künstlerin Katarina Burin schickte mir vor Kurzem den Katalog einer Ausstellung über Petra Andrejova-Molnár, eine Architektin der tschechischen Moderne, und ihre Zeitgenossen, die 1976 in der Londoner Architectural Association (AA) stattfand. Die Publikation, ein typisches Beispiel für das Grafikdesign der 1970er Jahre, dokumentiert das Werk von
Andrejova-Molnár (die sich später nur noch P.A. nannte) und weiterer Architekten, darunter József Fischer und Farkas Molnár aus Ungarn sowie Bohuslav Fuchs und Jaromír Krejcar aus Tschechien. E.R. Alden skizziert in einem Aufsatz ihren Werdegang und wie sie in der Zwischenkriegszeit Teil einer florierenden Bewegung waren.
War Burin auf einen – erstaunlich gut erhaltenen – Restposten dieser Kataloge gestoßen und hatte sich dazu entschlossen, ihre Verbreitung zum Gegenstand eines künstlerischen Projekts zu machen?
Später stellte sich heraus, dass der Katalog zu dieser Ausstellung neu gedruckt wurde, einem „Remake“ der Schau in der AA – wie es in der Presseerklärung hieß. Burins Version bestand aus einem wunderschönen, mit großer Sorgfalt reproduzierten Arrangement von Handzeichnungen, Skizzen, Plänen und Blaupausen von Andrejova-Molnár. Daneben hatte die Künstlerin verschiedene Architekturmodelle der verstorbenen Architektin neu angefertigt, darunter die schlichten, aber eleganten Fassaden von Second project for storefront (Zweites Projekt für eine Ladenfront, 2010–12) im Art Déco-Stil sowie bekannte Gebäude von Fischer und Krejcar. Diese Modelle waren vor zwei stark vergrößerten Fotografien ausgestellt;
auf einer war eine Gruppe von Männern und eine Frau zu sehen, vermeintlich Andrejova-Molnár.
Between Brno and Budapest (Zwischen Brno und Budapest), 2012, Ausstellungsansicht
Doch auch wenn die Ausstellung als Remake firmierte, so stammten alle Werke in Wahrheit von Burin und waren in den letzten beiden Jahren entstanden. Andrejova-Molnár ist samt Werk und Biografie eine Erfindung. Alles rund um P.A. ist ein von Burin geschaffener Fake, vom Katalog der AA bis zu einem Interview, das Burin selbst geschrieben haben muss. Die Ausstellung bietet das Porträt einer Person, das gerade durch seine detailgetreue Ausführung so überzeugend wirkt; Burin zeichnete sogar die frühen Monogramme der Architektin als zarte Kompositionen in Grafit auf Pergamentpapier. Neben den Architekten (Fischer, Molnár, Fuchs, Krejcar) sind auch die anderen Personen aus ihrem Dunstkreis – Schriftsteller, Designer, Förderer – frei erfunden. Burin musste eine komplette Besetzung ersinnen, um ihre Illusion zu stützen. Die Künstlerin schöpft die Möglichkeiten, ihre Kunstfigur zu verkörpern, voll aus; sie wird selbst zu ihrer Architektin – eine Übertragung von Method Acting in die Kunst?
Vielleicht hat Burins eigene Biografie – sie ist in der Slowakei geboren und in Kanada und den USA aufgewachsen – ihr Interesse an osteuropäischen Emigranten geweckt. Ihre Maskerade nutzt das Fiktionale nicht als bloß formales Mittel – ein deutlicher Trend in der aktuellen Kunst –, sie macht damit eine relevante Aussage: In der Architektur der frühen Moderne waren Frauen kaum vertreten. Die Künstlerin hatte dieses Ungleichgewicht schon einmal thematisiert, als sie Bilder der Innenarchitektin und Designerin Eileen Gray in ihre eigenen Arbeiten einbezog. Burin ist fasziniert vom kühlen Stil der formalistischen Architekturentwürfe dieser Zeit; und in Andrejova-Molnár findet sie eine Symbolfigur für diese längst vergangene Epoche. Sie füllt mit ihrem Surrogat eine historische Leerstelle. Andrejova-Molnár ist mehr als der Versuch, einen Charakter zu entwerfen. Sie steht für ein fehlendes Rollenvorbild.
Übersetzt von Michael Müller
—von Saim Demircan