Boris Mikhailov

Berlin, Deutschland

Berlinische Galerie

Boris Mikhailov, aus: Rote Serie, 1968

Anerkennung im Westen hat Boris Mikhailov erst in den letzten 20 Jahren gefunden. Dass das Werk des heute 74-jährigen ukrainischen Fotografen erst so spät entdeckt wurde, hat sicherlich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und seinen Folgen zu tun. Die Retrospektive in der Berlinischen Galerie greift noch weiter zurück. Sie präsentierte Mikhailov in seinen Arbeiten zwischen 1966 und 2011 als einen leidenschaftlichen Chronisten der Zeit vor und nach dem Fall der Sowjetunion.

Ungeachtet dieser historischen Sichtweise war die Ausstellung nicht frei von ideologischem Ballast – allerdings westlicher Prägung. Im Katalog schreibt Thomas Köhler, der Direktor der Berlinischen Galerie: „Das ‚Alltägliche‘ war für ihn in den 1990er Jahren vor allem das Existentielle, das Bedrohliche. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wendete er sich den Verlierern dieses sozialen Wandels zu, porträtierte sie, zeigte sie in ihrer Not und Verzweiflung und damit als Resultat des erbarmungslosen, repressiven politischen Systems der Sowjetunion.“ Und doch zeigten viele der ausgestellten Fotografien eher die Wirkungen eines erbarmungslosen neuen Kapitalismus auf die Armen der post-sowjetischen Zeit, während andere eine Lesart der Sowjetunion als totalitärem System, das jeden Aspekt im Leben seiner Bürger unterdrückte, in Frage stellten.

Für die Serie Red (Rote Serie, 1968–75) fotografierte Mikhailov wie besessen rote Details: auf Socken, Straßenbahnen oder dem Kopftuch einer Babuschka. Die Farbe des Kommunismus findet sich bei Massenaufmärschen, Gedenkfeiern und auf Fahnen. Offensichtlich war Mikhailov aber weniger vom Kommunismus als vielmehr von der ihn umgebenden Welt fasziniert, einer Welt, die sich unaufhörlich veränderte. Es ist, als wolle er fragen, ob man Ideologie unbedingt auch beim Picknick, beim Flirten oder beim Sex braucht. Sieht man hinter der Farbe nur die Ideologie, folgt man der offiziellen Linie der Partei; es passiert aber so viel mehr. Der Fokus liegt auf dem sonderbaren Exhibitionismus der Fotografierten, der ihm Zugang zur Privatsphäre der Menschen verschafft. Wir wissen eigentlich nie, ob man hier Fremde sieht oder Bekannte, Geliebte, Verwandte.

Gleich, welches politische System an der Macht war, Mikhailov weigerte sich stets, die Rolle eines unbeteiligten Beobachters einzunehmen. Er bewahrte sich stets einen aktiven Blick. Die Serien Case History (Krankengeschichte, 1997-99) und At Dusk (Dämmerung, 1993), die in seiner Heimatstadt Charkow entstanden sind, vermitteln den Eindruck, dass die Ukraine ihre schlimmste Zeit erst nach der Auflösung der UdSSR im Jahre 1991 erlebte. Die Obdachlosenporträts von Case History sind schonungslos und intim. Mikhailov verzichtet dabei jedoch auf die Haltung des überlegenen Beobachters; er lässt die Porträtierten auftreten, wie sie es wollen: Sie grinsen, weinen, zeigen ihre Tattoos oder Geschlechtsteile. In Dämmerung sind städtische Alltagsszenen eingefangen, getaucht in ein träges bläuliches Licht: Krüppel, Trinker, Alte, und Kranke, die betteln oder mit dem Gesicht nach unten auf der Straße liegen und sterben.

If I were a German … (Wenn ich Deutscher wäre …, 1994) scheint da etwas Erleichte­rung zu verschaffen, wenn auch nur für einen kurzen Moment. In dieser Serie führen Mikhailov, seine Frau und Freunde kitschige Sado-Maso-Pornoszenen auf und geben sich dabei als Nazi-Besatzer eines ukrainischen Dorfes. Schmissige Nazi-Ästhetik kennt man zwar aus der Modefotografie, Mikhailov aber zeigt Körper, die deutlich weniger vollkommen sind als die arischen Leiber auf diesen Hochglanzbildern. Er geht dieses Tabuthema der deutschen Geschichte mit einem Schuss Selbstironie und Exhibitionismus an und steigert damit nur noch die schaurige Ausdruckkraft dieser Fotos. Schick kann auch wieder schrecklich werden.
Übersetzt von Michael Müller

—von Agata Pyzik