Dieter Roth

Aargau, Schweiz

Aargauer Kunsthaus

Dieter Roth, Diary (Tagebuch), 1982, Ausstellungsansicht

Als Dieter Roth 1998 starb, hinterließ er ein Œuvre, das in seiner Komplexität, in seiner Quantität und der Frage seiner Bewahrung noch einige Knacknüsse für Kunsthistoriker, Kuratoren und Konservatoren bergen wird. Nach der ersten Retrospektive des Künstlers 2003, die in Basel, Köln und New York gezeigt wurde und in deren Zentrum die legendäre Gartenskulptur (1968–96) stand, widmete sich das zweite Ausstellungsprojekt im Zeichen der Roth-Aufarbeitung unter dem Titel „Selbste“ – ein Begriff Roths, den er stellvertretend für „Selbstbildnisse“ benutzte – ebendiesem Topos. Die zweite Station der Ausstellung im Frühjahr 2012 wird das Museum der Moderne in Salzburg sein.

Das Selbstporträt beschäftigte Roth durch all seine Schaffensperioden hindurch. Mit verschiedensten Medien, Materialien, Techniken und in unterschiedlichen Kollaborationen (zum Beispiel mit Arnulf Rainer oder seinem eigenen Sohn, Björn Roth) schuf er wie kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts Hunderte von „Selbste“, in denen er Selbstüberprüfung, -befragung und -inszenierung durchexerzierte.

Als Einstieg für den Rundgang wählten der Chefkurator in Aarau, Stephan Kunz – der das Kunsthaus nach dieser Ausstellung übrigens verlassen hat –, und Dirk Dobke von der Dieter Roth Foundation in Hamburg die ursprünglich auf Super-8 gedrehte Filminstallation Diary (Tagebuch), die 1982 als Beitrag für den Schweizer Pavillon zur 40. Biennale Venedig konzipiert worden war. Zwar offenbart sie auch in ihrer digitalisierten Form noch den revolutionären Geist von damals, verweist gleichzeitig aber auch auf die Konservierungsproblematik, mit der sich die Nachlassverwaltung Roths konfrontiert sieht. Das knappe Dutzend Filme – als Bildermosaik an die Wand projiziert – spiegelt das „tägliche Gelebte“, wie Roth es nannte, wider: der Künstler am Tisch, beim Essen, im Gespräch. Die Arbeit kann als – wenn auch selbstzensurierte (Roth vermied das Dokumentieren von allzu komprimittierenden Situationen) – Vorwegnahme des Reality-Fernsehens gelesen werden, aber auch als Dekonstruktion des Konzepts vom genialischen Künstlerwesen. Dieser Ausstellungseinstieg – Diary ist in Roths Œuvre einer der Achsenpunkte – war ein dramaturgisch geschickter Griff. Verhinderte er doch, dass die chronologisch aufgebaute Ausstellung zu steif wurde und zu einem rein additiven Kraftakt verkam, da anhand dieser Setzung ein imaginatives Vor- und Zurückspulen möglich wurde.

Bis heute am bekanntesten bleibt Roth für seine Werkgruppe von Selbstbildnissen aus Schokolade. Als Beispiel dafür wurde hier P.O.TH.A.A.VFB. (Portrait of the artist as Vogelfutterbüste) von 1968 gezeigt, das aus einer Vogelfutter-Schokoladen-Mixtur gegossen ist. Diese noch heute außergewöhnliche Materialwahl erklärt sich nicht nur aus historischer Perspektive und einer Experimentierlust, die den 1960er-Jahren eigen war, sondern auch auf inhaltlicher Ebene – nämlich der referentiellen Anlehnung an James Joyces Romantitel A Portrait of the Artist as a Young Man (1916). Roth setzte dem Porträt des Künstlers als jungem Manns ein „Porträt“ von sich als altem Mann entgegen und präfigurierte so den eigenen körperlichen Zerfall im Alter von 38 Jahren.

Wenn Roth sich 1982 in seinem Tagebuch noch beklagte, dass er für Diary gerne 40 bis 50 Projektionen gehabt hätte, dies aber aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen sei, so könnten die Solo Szenen (1997–98) als „Wiedergutmachung“ gelesen werden: Auf 128 Monitoren, die in Regalen aufgereiht sind, legt Roth dort ein letztes Mal seinen Lebenskosmos dar, zeigt sich im Unterschied zur Diary-Installation aber auch in äußerst intimen Situationen. Eine der beklemmendsten Szenen ist dabei wohl jene, die den Künstler in Momenten massiver Herzprobleme zeigt. Mit den Solo Szenen gelang es Roth, ein letztes Selbstbildnis von sich zu schaffen – eines, das in seiner Radikalität kaum zu übertreffen ist und gleichzeitig auf so wunderbare Weise nochmals all die Aspekte seines Schaffens aufnimmt. 
Arnulf Rainer schrieb auf einer der im Dialog geschaffenen Porträts: „Dieter Roth zeigt, wie übel ihm auf dieser Welt ist und spuckt dabei sein Œuvre aus.“ Diese umfangreiche Ausstellung hat es geschafft einen Spannungsbogen zwischen den Roth-Ikonen und eher selten gezeigten, kleineren Werkgruppen herzustellen – und ein bißchen Spucke blieb auch an ihr haften.

—von Raphael Gygax