Dirk Stewen

Hamburg, Deutschland

Galerie Karin Guenther

Dirk Stewen, Untitled, 2011

Joan Miró stellte einmal fest: „Form ist für mich nie etwas Abstraktes, es ist immer ein Merkmal von etwas. Form ist niemals ein Selbstzweck.“ Der in Hamburg lebende Künstler Dirk Stewen scheint diese Überzeugung zu teilen, und viele seiner Arbeiten erinnern an Mirós eigene minimale, elegante und surreale Kompositionen. Stewen erschafft seine „Konfetti-Arbeiten“, wie er sie selbst nennt, indem er präzise gemalte Kreise mit verschiedenen Nähten und Fäden, die sich zu malerischen Linien verdoppeln, auf dem Papier fixiert. In seiner jüngsten Einzelausstellung „Elfenbein“ wurde eben diese Technik auf elfenbeinfarbenem Papier ausgeführt – und nicht auf den schwarzen, scheinbar einen Nachthimmel evozierenden Hintergründen, die er zuvor benutzt hatte. Jenseits solch planetarischer Assoziationen sollte es hier darum gehen, die versteckten symbolischen Wirkungen abstrakter Formen eingehender zu untersuchen.

In den vier großformatigen Konfetti-Werken untitled (soft corps XIIIXVI) (Ohne Titel, Weiche Körper, alle 2011) – fand sich der Einfluss von Künstlern wie Miró ebenso wie von Max Ernst und Wassily Kandinsky bestätigt. Stewens Verwendung von Fotografie in anderen Arbeiten verkomplizierte solche geradlinigen kunsthistorischen Positionierungen jedoch wieder. Seine Assemblagen, in die er häufig eigene Schwarzweißfotografien einbezieht, um so die Genrefotografie der Vergangenheit aufzurufen, wirken genau wie die Art von gebrauchten Bildern, die ein heutiger Joseph Cornell vielleicht sammeln würde. Das verschwommene Foto einer Vase, die mit einem Grashüpfer-Muster bedeckt ist, ist Herzstück des kleinen Triptychons untitled. In einer altertümlichen Papiermappe wird diese Fotografie hier direkt neben einem abstrakten Aquarell gezeigt, das wie die Illusion eines magischen Auges wirkt, sowie einer monochromen, mit perlenbesetzten Fäden bestickten Tuschezeichnung. Ein weiteres, ebenfalls unbetiteltes Werk kombiniert die Fotografie zweier, von einem gemusterten Schirm verdeckter Menschen mit einer Seite aus einem französischen Buch über Henri Matisse, das auf seltsame Weise von zwei dünnen, schwarzen Holzstäben verstellt wird, die an der Galeriewand lehnen. Stewens Verwendung der Fotografie in diesen beiden Assemblagen suggeriert historische Dokumentationen. Und doch nehmen die Fotografien – verschwommen, gemustert, verstellt – hier selbst dekorative Eigenschaften an. Während sie die Vergangenheit dokumentieren, evozieren sie zugleich jene Art kontemplativen Denkens, das optischen Illusionen und Puzzeln sich wiederholender grafischer Formen angemessen scheint.

Stewens Ausstellung schien aus dem Takt der Gegenwart zu fallen und führte seine Faszination für veraltete Techniken des Fotografierens und des Buchdrucks vor. Seine Arbeit reflektiert die modernistische Idee, Kunst auf enigmatische Weise zwischen Objektcharakter und kulturellem Kommentar anzusiedeln, ohne dies durch klar erkennbare Ironie oder Distanzierung zu begleiten. Während Weggefährten wie David Noonan die Implikationen ihres Zugang zur Fetischisierung von Retro-Bildwelten sehr bewusst vorführen, wirkt es, als gehe Stewen in seiner Nostalgie viel stärker auf. Angesichts dieser Entrücktheit könnte man beinahe vergessen, dass seine Arbeiten in der Gegenwart produziert wurden und nicht im frühen 
20. Jahrhundert. Diese Ausstellung ließ eine abstrakte Sensibilität erkennen, die, da sie nicht als Selbstzweck funktioniert, ungemein schwierig zu fassen ist. Seine Arbeiten – weder vollständig abstrakt noch gänzlich didaktisch – suchen in der Vergangenheit nach einer langsameren Erfahrung ästhetischer Reflexion: sehnsüchtig nach einer Lösung und einverstanden damit, keine zu finden.
Übersetzt von Kerstin Stakemeier

—von Wes Hill