Edgar Leciejewski

Leipzig, Deutschland

Spinnerei archiv massiv

Edgar Leciejewski, buzz, 2010

Weitgehend unbemerkt ist in den letzten Jahren der „Brockhaus“, die einstige Ikone des deutschen Bildungsbürgertums, zum Fossil geworden. Bereits 2005–6 erschien die vorerst letzte, fast 25.000 Seiten umfassende Edition, deren 30 leinengebundene und goldbeschnittene Bände im Bücherregal beinahe zwei Meter Raum beanspruchen. Was hatte es also zu bedeuten, wenn der Fotograf Edgar Leciejewski elf Bände des altmodischen Lexikons in die Fotografie-Collage eines inszenierten Buchregals integriert, das ansonsten hauptsächlich mit kunst- und fotografietheoretischen Schriften von Autoren und Herausgebern wie Herta Wolf, Beat Wyss, Douglas Crimp, Roland Barthes, Peter Geimer, Wolfgang Kemp, Hubertus von Amelunxen oder Hervé Guibert bestückt ist?

Mit Snout (Rüssel, 2011), dem zentralen Bild seiner Ausstellung „Von Miezen und Mutanten“, thematisierte Leciejewski sowohl den Anfang wie die Rede vom Ende des fotografischen Zeitalters. Denn nicht nur mit dem bildgewordenen Namedropping erwies der Künstler hier den Hausheiligen der Theorie seine Reverenz. Die Konstruktion des Regals selbst ließ sich auf eine der frühesten Fotografien überhaupt beziehen: Daguerres Coquillages, das eine Anordnung fossiler Muscheln in einem Wandregal zeigt, ist datiert auf 1839 – das offizielle Geburtsjahr der Fotografie.

Doch Snout geht über die reine, teils ironische, teils nostalgische Präsentation von Referenzen hinaus. Offensichtlich hatte Leciejewski nachträglich weitere Bücher, einen alten Fotoabzug sowie einen blauen Rüsselkäfer in das Bild hineinmontiert. Teile der unteren Bildhälfte sind zudem mit Hilfe digitaler Bildbearbeitung unscharf gemacht, was den Betrachter freilich nur noch eifriger und dennoch vergeblich nach Anhaltspunkten für den Grund dieses Eingriffs suchen ließ. Doch mit dieser grob erscheinenden Manipulation demonstrierte Leciejewski vor allem eins: sein Interesse an der Ausstellung der Bildbearbeitung selbst.

Dieses Interesse fand sich auch in einem anderen Bild: Auf buzz (Energie, 2010) scheint eine Steckdose wie mit Schmiergelpapier aus dem Bild herausgeschliffen zu sein. Analog zur Bildhauerei hatte der Fotograf hier ein abtragendes Verfahren für seine Fotobearbeitung eingesetzt. Ob die Werkzeuge nun analog oder digital sind: Hinter dem Bild lauerte hier immer ein weiteres Bild – so jedenfalls ließ sich auch eine den Ausstellungsraum teilende Display-Wand verstehen, die an einer Ecke unverschlossen blieb und so ihre innere, einer Rahmenkonstruktion ähnelnde Struktur preisgab.

Nahm man die zur Ausstellung erschienene Künstlerpublikation hinzu, die hauptsächlich aus mehreren gefalteten und fadengehefteten Plakatbögen und einer beigegebenen Tapetenmesser-Klinge besteht, so erschien ein ikonoklastisches Grundmotiv: Um auf den Grund der neuen fotografischen Bilder zu kommen, musste man sie respektlos bearbeiten, wenn nicht sogar zerschneiden – und so ihre Versehrtheit in Kauf nehmen. Vielleicht lässt sich auf diese Weise tatsächlich die eingefleischte Bilder-Ehrfurcht überwinden, die im postfotografischen Zeitalter bei der Erkenntnisgewinnung nur hinderlich ist.

—von Kito Nedo

Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Er lebt in Berlin.