Badischer Kunstverein
Emily Wardill, Imelda Doesn‘t Believe in You (Imelda glaubt nicht an dich), 2012
In Flann O’Briens Roman At Swim-Two-Birds (1939; Zwei Vögel beim Schwimmen, 1966) wird ein Schriftsteller von den Figuren seiner eigenen Geschichten heimgesucht, verspottet und unter Drogen gesetzt. Für ihren Film Fulll Firearms (Vollle Feuerwaffen, 2011) hat Emily Wardill frei den auf Tatsachen basierenden Fall der Sarah Winchester adaptiert – einer Erbin aus Connecticut, die in den 1880er Jahren den Geistern, die sie heimsuchten, ein eigenes Herrenhaus errichten ließ: den Geistern derjenigen, die dem Waffenimperium ihres Schwiegervaters zum Opfer gefallen waren.
Der Film – der hier gemeinsam mit begleitenden Objekten, Kostümen und Drucken zu sehen war – bedient sich am Hollywood-Genre des Melodramas. Wardill greift darin Themen wie Schuld, Verblendung und menschliche Leistungsfähigkeit auf und unterzieht das klassische Genre mittels einer Verpflanzung an aktuelle Orte einer Frischzellenkur: im Architekturbüro, am Stadtstrand, in der Praxis eines kurpfuscherhaften Therapeuten, in einem im Bau befindlichen Luxushaus. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Imelda, eine alternde Millionärin, und Laslo, ein gestresster Architekt. Imelda sinkt abstrakt auf die Szenerie herab, als gertenschlanke Silhouette auf Glas. Sie gibt ein Haus in Auftrag, das – darin ihrem Charakter ähnelnd – unvollendet bleiben soll. „Es ist sehr schwierig, ein Haus zu entwerfen, ohne eine genauere Vorstellung seiner möglichen Bewohner zu haben…“, entgegnet Laslo. Auch Imelda scheint nicht zu wissen, wer dort wohnen soll. Kaum ist das Anwesen fertiggestellt, wird es von turnschuhtragenden Straßenschauspielern besetzt. Sie schlagen sich den Bauch voll und haben Sex auf dem Fußboden. In der Überzeugung, es handle sich um Geister, entscheidet sich Imelda dazu, sie zu unterstützen. Sie beherbergt sie, um ihren Schuldgefühlen Linderung zu verschaffen.
„Schuldgefühle – auch eine Art, sich seinem Vater nah zu fühlen“, diesen Satz kriegt Imelda von ihrem Analytiker zu hören. Immer wieder bedient sich Wardill in ihrem Film psychoanalytischer Redensweisen und verwandelt sie in parodiehafte Scherenschnitte; Jacques Lacans „Spiegel“ bekommt einen realen Auftritt („Bist du ein Spiegel?“ fragt einer der Schauspieler); Freuds klischeeartige Vorstellungen über Pistolen und Penisse werden buchstäblich genommen (der Titel des Films ist ein Spiel mit dem Wort „firearm“ – einem Arm, der tatsächlich Feuer fängt).
Ein Haus hat, so erzählt es uns Laslo, einen Einstieg, eine Mitte und ein Ende. Wie eine Geschichte. Doch was, wenn es absichtlich unvollendet gelassen würde? In der Ausstellung wurde Imeldas Kleidung – ein wüster Mischmasch aus burlesken und barocken Versatzstücken – neben jenen reich verzierten Architekturmodellen präsentiert, die im Film verwendet wurden. Wardills Projekt setzte sich über die Projektionsleinwand hinaus fort (der zusätzliche Buchstabe „l“ am Ende des Wortes „full“ im Titel könnte für diesen „Überfluss“ stehen). Dem Film stellte Wardill metaphorische Versionen der Imelda zur Seite: illuminierte, aus Holz gefertigte, buchähnliche Skulpturen, zum Beispiel The Imelda in White (Imelda in Weiß, 2011). Druckgrafische Arbeiten wie Cameo (2012) zeigen eine zu entstellten, zerschnittenen Collagen mutierte Imelda; Selbstporträts der Instabilität.
Emily Wardill, Fulll Firearms (Vollle Feuerwaffen), 2011, Standbild
Unabdingbarer Bestandteil eines richtigen Melodramas – wie es von Douglas Sirk bis Todd Haynes verwirklicht wurde – ist die Reibung zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten. Die Figuren in Fulll Firearms gehen weder Verbindungen ein noch lassen sie es zu Zerwürfnissen kommen. Immerhin schießen sie aufeinander und vermissen dabei auf trivialste Weise ihr Ziel. Sentenzen im Dialog bleiben ohne Antwort, Handlungsstränge werden einfach fallengelassen. Wardill interessiert sich für die Scharaden, die wir immer dann mit uns selbst und den anderen spielen, wenn wir Beziehungen aufbauen wollen oder wenn wir wieder einmal den Versuch vermasseln, Intimität herzustellen. In einer Szene macht das Rascheln eines zusammengeknüllten Papierstücks ein wichtiges Gespräch zwischen Imelda und Laslo unhörbar. Die Dialoge sind geschliffen, auf geradezu kunstvolle Weise, doch manchmal werden sie grobschlächtig vorgetragen, als hätte ein ausländischer Fernsehsender ein Stück von Henrik Ibsen synchronisiert. Mit all der Strenge seiner moralischen Erzählung droht der Film oft unter seinen eigenen Metaphern einzuknicken; und doch ist am Ende auch die Überinterpretation ein Symptom jener Psychosen, von denen diese Werke handeln. „Wir erzählen uns Geschichten, die wir entweder glauben oder nicht glauben – und das ist die Psychoanalyse“, sagt der Therapeut. „Fiktion“, antwortet Imelda. „Genau.“
Übersetzt von Clemens Krümmel
—von Pablo Larios