Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Ein Bürotisch, darauf eine Lampe. Sie wirft Licht auf einige Blätter und ein kleines Buch mit vielen Zetteln. Hinter dem Tisch sitzt ein älterer Mann mit asketischem Gesicht und jugendlicher Wirkung. Seine schlanken Hände greifen nach dem Buch; er öffnet es ganz langsam und beginnt mit samtener, aber klarer Stimme ein Gedicht von Hans Arp aus dem Jahre 1933 zu lesen: Vier Knöpfe zwei Löcher vier Besen. Der Lesende ist Franz Mon. Hans Thill, der Kurator der Reihe Arp im Ohr hatte ihn eingeladen, sich als Dichter mit dem Künstler Hans Arp auseinanderzusetzen.
Sechs Gedichte, vielleicht besser „Konstruktionen aus Worten“, hat Mon aus diesem Anlass geschrieben. Langsam, mit ruhiger Stimme, die mit der Zeit an Tempo gewinnt, sich dann wieder verlangsamt, nur um schließlich erneut zuzulegen, setzt Mon seine Lesung – jetzt mit eigenen Gedichten – fort: „Vier Knöpfe, zwei Löcher, vier Besen, vier Köpfe, vier Kröpfe, vier Körbe… vier Busen…“, variiert er Arps Text. Er reiht ähnlich klingende Worte zu Reihen, drei an der Zahl. Man hört zu und plötzlich scheinen vor dem inneren Auge entsprechend drei Säulen aus Worten emporzuwachsen. „Skulptural“ nennt Mon sein Vorgehen – und tatsächlich ähnelt die Art und Weise, wie er einzelne Worte assoziativ nach Klang und Form zu einer wuchernden Skulptur zusammenfügt, einem Werk abstrakter Kunst, das sich über den realen Bezug hinwegsetzt. Mon selbst schrieb 1970 zum Verhältnis von Sprache zur Welt: „Die naive Übereinstimmung von Wort und Sache, Ausdruck und Wirklichkeit ist zerschlissen durch den tatsächlichen Gebrauch der Sprache wie durch die unerhörte Kluft zwischen dem Faktischen dieser Realität und den Worten, die damit fertig werden sollen.“
Schon immer bewegte sich das literarische Werk Mons auf einem Gelände, das für künstlerische Überschreitungen in alle Richtungen offen ist. Nachdem der 1926 geborene Schriftsteller 1959 sein erstes Buch articulationen veröffentlichte und zusammen mit Walter Höllerer und Manfred de la Motte 1960 die Anthologie movens herausgab, gründete er 1962 den Verlag Typos, in dem er Werke konkreter und visueller Poesie herausgab. Mon selbst schreibt, klebt, typografiert, komponiert und konstruiert Gebilde aus Worten, mit denen er in den 1960er Jahren weltweit bekannt werden sollte.
In der Lesung im Arpmuseum wurde einmal mehr deutlich, wie sehr Mon in seinen Gedichten das Bedeutende der Sprache hin auf die Materialität des Textes und der Stimme öffnet. Die Fläche, auf der ein geschriebenes Wort erscheint, ist für ihn nie nur Hintergrund, sondern immer auch Teil der Komposition. Die Größe der Buchstaben scheint einmal mit jedem Wort zu wachsen, dann wieder zu schrumpfen; mal sind die Worte gedrängt, mal vereinzelt. Und dieses Optische des Textes ist dabei immer mit dem Akustischen verwoben. Erst, wenn Mon wie hier beginnt, diese Wortgebilde mit seiner Stimme in die Luft zu malen, ergibt sich daher das volle Bild. Dann wird sein Auftritt – so könnte man in Anspielung auf den Titel der Veranstaltung, Arp im Ohr, sagen – zu „Mon im Auge“.
—von Noemi Smolik