Gerwald Rockenschaub

Salzburg, Österreich

Galerie Thaddaeus Ropac

Gerwald Rockenschaub, Embrace Romance Remodeled (Romanze umarmt, neu aufgelegt), 2006/2012

Es sah aus wie ein Satz Spielkarten für Riesenbabys. Zehn mehr als tischplattengroße MDF-Platten waren über den Raum verteilt, lackiert in zehn verschiedenen Farbtönen: gelb, grün, altrosa, orange, taubenblau, Lavendel, rot, schwarz, pink und Terrakotta. Im Querformat und in zwei Reihen übereinander schmiegten sich sieben von ihnen an die Galeriewände – sich jeweils wie zufällig und in unregelmäßigen Abständen an den Kanten berührend, so als balancierten die Platten der oberen Reihe lose auf den unteren, und als könnten sie jeden Moment herunterkrachen. Drei der unteren Platten – so als müssten sie sich hineinzwängen in die vorgegebene Architektur – kürzten diagonal die Ecken des Raums ab und wurden so zu freistehenden Wand-Objekten.

Die Ausgefuchstheit von Gerwald Rockenschaubs Embrace Romance Remodeled (Romanze umarmt, neu augelegt, 2006/12), das in einer anderen Fassung zuerst 2006 in Paris zu sehen und nun in der großen Industriehallen-Dependance der Galerie Thaddaeus Ropac im Salzburger Gewerbegebiet installiert war, erschloss sich nicht auf Anhieb. Die Arbeit kommt leicht daher, wie schnell am Computer entworfen; vielleicht ist sie das auch. Sie folgt augenscheinlich keinen strikten mathematischen Gesetzen, so wie wir das von modernistischer Architektur oder serieller Minimal Art gleichermaßen gewohnt sind; dennoch scheinen aber gewisse Regeln zu gelten. Etwa, wenn die Art und Weise, wie die grüne Platte auf der altrosafarbenen ruht, davon bestimmt zu sein scheint, dass erstere bündig mit der Türkante abschließt; oder wenn manche Platten sich nur an jeweils einer Ecke gerade eben berühren. Es entsteht der Eindruck statischer Lässigkeit, der konterkariert wird von der erkennbaren Schwere der Platten – eine modulare Architektur der Farbfelder, die sich wie eine bewegliche Papierkonstruktion variabel in den Raum schmiegt. Ganz dem Titel entsprechend ist sie tatsächlich eine „remodellierbare romantische Umarmung“ des Volumens des White Cube, die letztlich der modularen, dreidimensionalen Farbfeld­malerei des frühen Hélio Oiticica näher ist als der Klosterzellen-artigen Strenge des Salon de Madame B. à Dresden (1926) von Piet Mondrian.

Seit er 1989 in der Kölner Galerie Paul Maenz 36 farblos transparente Acrylglas­platten bündig an die Wand schraubte, und so seine vorige Phase als „Neo-Geo“-Maler mit einer Entleerung des Bildes konterkarierte, die zugleich auf das architektonische Prinzip der Verschalung wies, hat Rockenschaub den Umgang mit dem Ausstellungsraum zum genuinen Teil seiner Arbeit gemacht. Bei der vor einigen Monaten in der Villa Kast – dem Salzburger Haupthaus von Ropac – gezeigten Ausstellung Rockenschaubs mit über­wiegend kleinformatigen Werken war dieses Brechen oder Betonen vorgegebener Raumchoreografien nicht gleich ersichtlich. Zu sehen war sprichwörtlich eye candy – kleine, piktogrammartige Wandstücke aus lackiertem MDF mit abgerundeten Ecken (Pralinen, 2011), die an petits fours erinnern; ähnlich piktogrammartige Bilder aus Plexiglas, gerahmt in geölter Eiche (Intarsien, 2011) und weitere unbetitelte Objekte aus dem offenbar unerschöpflichen Formfundus des Künstlers: Punkte, Wolken, Planeten, Flaschen, Schachteln, leere Rahmen.

Doch ein weiteres unbetiteltes Objekt (2011) operierte auch hier mit den räumlichen Gegebenheiten: eine auf einem weißen Sockel platzierte schwarze Plexiglas-Box auf Augenhöhe. Innen hohl lenkt sie durch ihre Verspiegelung wie ein Kaleidoskop den Blick zugleich auf den Park vor dem Fenster wie auf die Ausstellungssituation selbst. Es erinnert an jenes Projekt in der Wiener Secession, für das Rockenschaub 1994 mit einer vor dem Fenster platzierten Stuhlreihe den Blick auf die Baustelle gegenüber lenkte. Ähnlich verfährt er nun erneut in der Secession, wo er durch die Plattform (2012) einen völlig neuen Blick auf Gustav Klimts Beethovenfries (1902) eröffnet: Die Besucher können nun dank des knallgelben architektonischen Einbaus mehrere Meter über dem Boden auf Augenhöhe die wesentlichen Teile des Frieses sehen. Mit Embrace Romance Remodeled ist es ähnlich: Bei Rockenschaub lenkt die Kunst den Blick streng von sich weg auf eine (beispielsweise architektonische) Funktion – und doch zugleich spielerisch zurück auf ihre Autonomie.

—von Jörg Heiser

Jörg Heiser ist Co-Chefredakteur von frieze und Herausgeber von frieze d/e.