Jeffrey Vallance

Genf, Schweiz

Centre d‘Édition Contemporaine

The Vallance Bible (Die Vallance-Bibel), 2011

„Vor allem Anfang war nur Gott. Weil er allein war in der Leere, war er einsam und begann sich zu langweilen. Gott langweilte sich so sehr, dass er explodierte. Gott explodierte mit einem großen Knall.“

Mit diesen Worten beginnt das Evangelium nach Jeffrey Vallance, das zum Auftakt seiner jüngsten Performance in Genf feierlich vorgetragen wurde. Der Text ist der letzte Abschnitt von The Vallance Bible (Die Vallancebibel, 2011), die von centre d’édition contemporaine und der Grand Central Press in Santa Ana gemeinsam herausgegeben wurde. Nach der Lesung fand in einer geschichtsträchtigen Kapelle in der Genfer Innenstadt eine Diskussion mit Vertretern aus Wissenschaft und Religion über dieses lange visionäre Gedicht zur Erschaffung und dem Schicksal aller Dinge statt – ein Zusammentreffen, das zu recht seltsamen Dialogen führte, die jedoch weit weniger unvereinbar waren, als vermutet.

Dank dieser Publikation und der begleitenden Ausstellung wird Genf – die Stadt Jean Calvins – Teil der Liste von Stationen auf der ungewissen Pilgerfahrt dieses kalifornischen Künstlers, der in einer lutherischen Familie aufgewachsen ist. Seit einigen Jahren ist Vallance nun schon damit beschäftigt, sich unter der Führung von Leitfiguren eine persönliche Geografie zu schaffen. Das führte ihn zu einem Treffen mit dem König von Tonga, einer Audienz bei Papst Johannes Paul II., einer Erkundung seiner eigenen Vorliebe für Elvis Presley und der eingehenden Beschäftigung mit jener Verehrung, die sein Stiefvater Richard Nixon entgegenbrachte. Dabei macht sich Vallance immer auch ein wenig lustig über sein eigenes Auftreten als moderner Pilger, der durch eine nicht enden wollende Reihe von Souvenir­läden zieht. Nach der Rückkehr von diesen unterschiedlichen Pilgerfahrten baut Vallance kostbare Reliquienschreine, in die er die gesammelten Fragmente seiner Zusammentreffen einsetzt.

Ergänzt werden diese Objekte durch Fragmente aus der persönlichen Archäologie des Künstlers. Da finden sich dann, auf seidene Kissen gebettet, nicht nur fragwürdiges Kunstgewerbe vom Petersplatz, sondern auch der abgebrochene Hals einer Sprudelflasche, die sein Vater zertrümmerte, als er eines Abends in einem Drive-in den Flaschenöffner vergessen hatte. Man hat den Eindruck, die Räume in diesem „Palast der Erinnerung“ seien voll von Preziosen und Alltagsgegenständen gleichermaßen.

Jeffrey Vallance, Bible References (Bibelreferenzen), 2012

Bei diesem Projekt nun scheint Vallance sich an das von den Reformatoren verhängte Verbot des Reliquienhandels zu halten; statt dessen integriert er seine Erinnerungsstücke in die Vallance Bible selbst. Deren Text gliedert sich in drei Kapitel und enthält persönliche Berichte von mystischen Erfahrungen. Die erste Ausgabe – mit einem prachtvollen Einband aus goldgeprägtem Leder – beinhaltet zudem eine Reliquie: ein Stück weißen Baumwollstoffs, angeblich getränkt mit dem Schweiß des Künstlers.

Die Vallance Bible erinnert auf den ersten Blick an das Book of Genesis Illustrated (Die illustrierte Genesis, 2009) des amerikanischen Cartoonisten Robert Crumb. Dieser jedoch schuf letztlich nur eine illustrierte Version der Heiligen Schrift. Vallance da­gegen scheut sich nicht, seine künstlerische Freiheit – respektvoll, aber mit Mut und Witz – zu nutzen, um sich diese literarische – wie keine andere mit Konnotationen beladene – Form anzueignen. Damit mischt er sich ein in die Debatte über die Wahrheit religiöser Texte – eine Debatte, die immer auch politisch ist, eben weil, wenn Religion zur Wahrheit wird, diese stets die weltliche Autonomie des Staates in Frage stellt.
Übersetzt von Michael Müller

—von Samuel Gross