Luis Jacob

Lingen, Deutschland

Kunsthalle Lingen

Luis Jacob, Veronica #4, 2011

Der Titel dieser Ausstellung allein war eigentlich schon ausreichend, um die Vorstellungskraft der Besucher anzuregen: A finger in the pie, A foot in the door, A leg in quicksand (Einen Finger im Kuchen, einen Fuß in der Tür, ein Bein im Treibsand). Beschrieben werden damit Zustände des Involviertseins, des Dazwischens, des Dahinsinkens, die in verschiedenen Arbeiten der Ausstellung immer wieder auftauchten. So öffneten einige Werke am Eingang das für Luis Jacobs Arbeit zentrale Spannungsfeld zwischen Körperlichkeit und Bildlichkeit: Die Farbfotografie Mottled Form (Gefleckte Form, 2007), die einen in Stoff gehüllten Körper zeigt, der sich symbiotisch in einen Designer­stuhl schmiegt, wurde hier von den matten Farben der auratischen Malerei aus der Werkgruppe They Retreat to the Home of Their Waiting (Sie ziehen sich zurück an den Ort ihres Wartens, 2008) kontrastiert.

Nach diesem Intro konnte man sich der 84-teiligen Bildsammlung Album VII (2008) zuwenden, die sich als Fries über zwei graue Wände in L-Form erstreckte. Für seine Album-Serie (seit 2000) sammelt Jacob thematisch Abbildungen von Architekturen, Design, von Körpern und Kunstwerken und gruppiert sie nach Analogien zu einer offenen Bilderzählung. Auf einer laminierten Folie begegnen sich Abbildungen eines Skulpturmodells, ein Ensemble aus amorph geformten Kunstobjekten auf Sockeln und ein Mädchen, das eine Replik eines naturhistorischen Objekts mit ihren Händen ertastet. Ein anderes Bilderset zeigt eine Gruppe von verhüllten Frauen auf dem Boden sitzend im Dialog mit verhüllten, nicht näher definierbaren Objekten. Immer wieder zitiert Jacob Skulpturen und Plastiken von der Antike bis in die Gegenwart. Der Reiz dieser Arbeit liegt im Spiel der narrativen Möglichkeiten zwischen Dingen und Körpern, die sich in diesem Bildatlas aufeinander öffnen. Sie werden zum Austragungsort für Bedeutungen, Ambivalenzen und Widersprüche, zeigen sich als form- und verwundbar.

Die Linearität der schlangenförmigen Ausstellungsarchitektur wurde mittels einer dialogischen Hängung immer wieder klug aufgebrochen. So buhlten an einer Stelle zwei gegenüberliegend gehängte farbexplo­sive Gemälde aus der Werkgruppe They Sleep With One Eye Open (Sie schlafen mit einem offenen Auge, beide 2008) um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Die großformatigen Malereien basieren formal auf strahlenför­migen Batik-Mustern, deren perfekte Oberflächengestaltung mittels Airbrush-Technik nach einer Vorlage von einem Graffiti-Künstler übernommen wurde. Aus den abstrakten Farbflächen schälten sich aufgrund zweier punktartiger Zentren beseelte Augenwesen heraus, die den Betrachter anzublicken schienen.

Luis Jacob, They Sleep With One Eye Open #2 (Sie schlafen mit einem offenen Auge #2), 2008

Dieses Gefühl des Angeblickt-Werdens wiederholte sich auch angesichts der mehrteiligen Werkgruppe Veronica (alle 2011), aus der hier drei Arbeiten in Reihe gehängt präsentiert wurden. Jeweils ein Auge und darunter ein leicht geöffneter Mund bildeten das Hauptmotiv dieser grafischen Papier­arbeiten. Der im Titel enthaltene Vorname Veronica verweist auf die Legende des Schweißtuchs mit dem Gesichtsabdruck Christi, welches später als kunsthistorisches Motiv, als „wahres Bild“ (lat/gr: vera ikon) in der Malerei lebendig wurde. Die Frage nach dem Stellenwert kunsthistorischer Ikonen wurde schließlich in den großformatigen Gemälden aus der Serie They Retreat to the Home of Their Waiting (2008) vertieft. Sie beziehen sich auf Mark Rothkos Farbfeld­malerei aus der Mitte des vorherigen Jahrhunderts. Jacobs malerische Interpretationen sind jedoch keine exakten Kopien, sondern betonen gerade die Abweichungen vom Original. Sie scheinen nicht nur die komplexe Betrachter-Bild-Beziehung zu untersuchen, sondern vielmehr auf eine den Bildern eigene Art von Lebendigkeit und visueller Biografie zu verweisen: auf ein Weiterleben und Fortleben in Mutationen.

Der spannungsreiche Ausstellungsparcours endete in einer Blackbox, aus der man zwei computergenerierte Stimmen hören konnte. Sie gehörten zur Doppel-Video­projektion Without Persons (Ohne Personen, 1999-2008) und beschrieben am Beispiel einer Stadt Situationen eines „In-der-Welt-Seins“ und sozialen Miteinanders. Synchron zu den Stimmen bewegte sich dazu eine weißgelbliche Flüssigkeit auf der Leinwand. Dieser Eindruck einer wabernden, sprechenden Masse verabschiedete die Idee von Leben und Bewusstsein endgültig vom Bild des menschlichen Körpers in Richtung einer fluiden Wahrnehmungsfigur.

—von Cynthia Krell