Navid Nuur

Berlin, Deutschland

Galeria Plan B

Navid Nuur, Untitled, 2011

Ein Klumpen aus weißem Wachs und schwarzem Plastik liegt auf einem Alabasterblock in einem Topf. Dicht darüber hängt ein glühendes Heizkabel herab und bringt Wachs und Plastik allmählich zum Schmelzen: Vor unseren Augen nimmt eine Skulptur Form an. Bei vielen bildhauerischen Arbeitsweisen kommen die Eindrücke ins Material von außen – durch Formen, Meißel oder die Hände –, nur um dann letztlich am fertig gestellten Werk zu fehlen. In Navid Nuurs Arbeit Untitled (2011) dagegen bleiben die Spuren präsent und lebendig, sie schaffenden sekundären Eindruck eines Objekts, dessen ursprüngliche Form in der Vorstellung wiederzuerschaffen ist.

Der Ausstellungstitel “CONDUCTORCONDUCTOR” deutete an, dass jedes Kunstwerk Teil einer ständigen Entwicklung ist: Es reichert sich mit neuen Bedeutungen an, während die alten nie ganz verlorengehen. Ein halbmondförmiges Stück Ton scheint Fingerabdrücke zu zeigen, doch tatsächlich wurde der Ton bei Untitled (2011) von innen erhitzt und schafft sich ohne menschliches Einwirken selbst neue Formen. Eine daneben platzierte Gruppe aus sieben Holzblöcken – The times that were the times (Die Zeiten, die die Zeiten waren, 2011) – wurde auf Anweisung des Künstlers hin immer wieder neu angeordnet. Eine weitere Arbeit (Untitled, 2011), besetzte die Mitte dieses Hauptraums: ein umgestürzter Stuhl, der mittels eines dünnen Fadens mit einer an der Wand angebrachten leeren Suppendose verbunden ist. Die Dose schwebt auf geheimnisvolle Weise vor der Wand – ermöglicht allerdings durch einen versteckten Magneten.

Andere Arbeiten brachten durch einen eindrucksvollen Einsatz von Beleuchtung buchstäblich Zweiteindrücke hervor. In einem dunklen Raum blinkten zwei Arbeiten – ein dreieckiges Neonzeichen und ein mit Wasser und Bändern aus winzigen Lichtpunkten gefülltes Aquarium – in klar erkennbarer Rhythmik auf und schufen so eine unheimliche Atmosphäre. Die Videoarbeit Study for: The collateral collective unconsciousness of compositions (Studie für das zusätzliche kollektive Unbewußte von Kompositionen, seit 2011) – statt auf die übliche Projektionsfläche auf ein im Dunkeln leuchtendes Feld projiziert – fügte diesem Raum noch eine weitere Leuchterscheinung hinzu: Man sah die Hände des Künstlers beim Falten eines weißen Blatts Papier, was auf dem Feld bei jedem Faltvorgang Leuchtspuren hinterlässt.

In einem weiteren, tiefer gelegenen Raum waren drei größerformatige Werke versteckt. Die Besucher erhielten kleine Taschenlampen und wurden aufgefordert, den Raum so lange zu durchsuchen, bis sie auf Untitled (2011) stießen: eine große, mit einer Beschichtung aus lichtdurchlässiger Farbe versehene Glasscheibe, die bei der Begegnung mit den Lichtstrahlen in einem regenbogenartigen Lichtspektrum aufschien. Die durch die umherirrenden Lichtkegel der Taschenlampen erzeugte bewegte Silhouette fügte der Arbeit eine vierte, zeitliche Dimension und vergängliche Spuren in Gestalt immaterieller Schatten hinzu, Zeichen der Anwesenheit ebenso wie der Abwesenheit.

Die Arbeit When doubt turns into destiny (Wenn Zweifel zu Schicksal werden, 1993–2011) war in dem treppab gelegenen Raum leichter ausfindig zu machen. Diese Dreikanal-Videoinstallation zeigt Nuurs Scheitern bei dem Versuch, auf seinem Weg durch eine Reihe von Hinterhöfen den Bewegungsmeldern auszuweichen. Die Sensoren zu überlisten, macht eine ungeplante, dadurch aber umso lustigere Choreographie nötig und lieferte einen jener seltenen Momente in der Ausstellung, in denen das Werk den Künstler erwischt zu haben schien und er es nicht mehr zähmen konnte. Allgemein lässt sich sagen, dass Nuur räumliche Modelle um ein Bewusstsein für die Zeitdimension erweitert. Eine Diskrepanz entsteht – zwischen der Konzeption des Werks und seiner konkreten Erscheinung zu einem beliebigen Zeitpunkt. Es bleibt den Betrachtern überlassen, sich für jede Arbeit einen Entwicklungsweg in Vergangenheit 
und Zukunft vorzustellen.
Übersetzt von Clemens Krümmel

—von Judith Vrancken