Reinhard Mucha

Frankfurt am Main, Deutschland

Galerie Bärbel Grässlin

Reinhard Mucha, FRANKFURTER BLOCK, 2012, Werkensemble

Schon der Titel Schaffnerlos. Werke ohne Arbeiten 1981–2012 kündigte an, was diese Schau – die erste von Reinhard Mucha in drei Jahren – auszeichnete: ein beständiges Wiederkehren von Transportmetaphern, die sich hier bis hinein in einen offenen Werkbegriff erstreckten. Was damit gemeint war, ließ sich am deutlichsten an der neu geschaffenen Werkgruppe FRANKFURTER BLOCK (2012) ablesen. Er besteht aus insgesamt vier Arbeiten und hat eine über 30 Jahre alte Vorgeschichte: *Ohne Titel* („Kopf im Sand“ – Kunsthalle Bielefeld – Entstanden anlässlich der Ausstellung: „Ars Viva – Skulpturen und Installationen von Preisträgern des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.“ – 1981), [2012] (1982) geht – dem sich mit jeder Ausstellung erweiternden Titel entsprechend – auf eine Ausstellung im Rahmen der Ars Viva-Preisvergabe 1981 zurück. Dort füllte Mucha eine Museumsvitrine mit dem Material einer von ihm durchgeführten Coupon-Aktion. Für eine Ausstellung im Kölnischen Kunstverein 1982 verteilte er die Kopien dieser mit seinem Namen und seiner Adresse ausgefüllten Coupons wie auch das auf diese Massenanfrage zugesandte Werbematerial, die angeforderten Produktkataloge und Firmeninformationen schließlich auf mehrere Vitrinen und reihte diese wie die Waggons eines Güterzugs aneinander.

Als Teil des FRANKFURTER BLOCKS stand dieser Vitrinen-Zug nun in einer erneuten Inkarnation auf hölzernen Fuß­hockern. Unter den Vitrinen laufen über altertümliche Röhrenmonitore die animierten Fotodokumente aus den vorangegangenen Ausstellungen dieses Werkensembles, ein an- und abschwellendes Rollgeräusch und Klackern war zu vernehmen.
Mitten in einer Zeit, in der auf das heftigste über Datenschutz und das Übel einer allgemeinen Volkszählung debattiert wurde – den frühen 1980er Jahren –, machte Mucha das Gegenteil und überschwemmte die Verteiler der Firmen mit seiner Adresse. Über Jahre bekam er freundliche Werbepost – der letzte Brief ging 1997 bei ihm ein.

Auch wenn diese Lesart auf der Hand zu liegen scheint: Als naive Künstlerkritik am Nachfragewahn des Kapitalismus ist _FRANKFURTER BLOCK _dennoch nicht zu deuten. Vielmehr verknüpft Mucha hier die Eigentümlichkeit des einen Systems mit der eines anderen. Konsum und Marketing gehen eine Allianz mit dem Akt des Musealisierens ein, Massenökonomien treffen auf solche der Verknappung. Dabei entsteht eine gewisse Komik. „Museen sind heute wie Bahnhöfe. Rein, raus…“, sagt Mucha selbst dazu, „beides sind Orte der Ortlosigkeit.“ Denn die stille (und oft) auratisierende Inszenierung von künstlerischen Werken in Ausstellungsräumen ist immer nur eine Momentaufnahme – im Hintergrund wird immer schon die kommende Ausstellung geplant, der Leihverkehr stabsmäßig organisiert und werden Werke auf Reisen geschickt.

[Capriccio] – Wie der tote Hase mit den Bildern verkehrt von 2012 – die einzige neue Arbeit des FRANKFURTER BLOCKS – sucht sich seine Referenzen innerhalb des Kunstsystems und ist schnell als Hommage an Joseph Beuys’ The Pack (das Rudel) (1969) zu dechiffrieren, nur, dass man es hier statt Schlitten eben mit umgekippten Transporthunden zu tun hat, die auch in Museen zum Verrücken der Werke dienen. Die Filzdecken stammen dementsprechend von der auf Kunsttransport spezialisierten Spedition Hasenkamp. Obwohl man es mit einer selbst­ständigen Arbeit zu tun hat, präsentierte Mucha sie hier so nah an seinem Vitrinenzug, dass sie die Assoziation einer Lokomotive geradezu herausforderte. Die einzelnen Arbeiten öffneten sich einander und koppelten sich zu einer Art Gesamtinstallation. Ebenso ineinander verzahnt gehängt fanden sich an der Wand die letzten beiden Teile des Ensembles, der 99-teilige Zeichnungsblock *Kopf im Sand*, [2012] (1981) und die gerahmten Korrespondenzen von Der Stahlbaron – Auszüge aus dem großen Kalender (1989).

Ergänzt wurde die Ausstellung mit Arbeiten wie *Der kluge Knecht* (Ohne Titel – Staatliche Kunstakademie – Düsseldorf, 1981) (2002), das in einer regelrechten Architektur aus Rahmungen Muchas beglaubigte Meisterschülerurkunde zeigt, oder eine Reihe kleinerer Wandobjekte der letzten Jahre wie Hilden (2008), Kalkum (2004) oder Tholey (2010), denen allen die für Mucha typische Mischung aus konzeptueller Schwere und Materialpräsenz auf der einen Seite und einer gewissen kapriziösen Leichtigkeit auf der anderen Seite eigen war. Gerade diese Bandbreite machte diese Galerieausstellung am Ende zu einem musealen Ereignis. Diesmal im wörtlichen Sinne.

—von Grit Weber