Rivane Neuenschwander & Haegue Yang

Lübeck, Deutschland

Pavillon der Overbeck-Gesellschaft

Rivane Neuenschwander, A queda (Der Fall), 2009, Standbild

Diese nach den beiden gezeigten Künstler­innen Rivane Neuenschwander und Haegue Yang benannte Ausstellung stellte deren gemeinsame Grundsätze der Kunstproduk­tion heraus. Beim Betreten der Galerie trafen die Besucher auf Neuenschwanders Arbeit Chove chuva (Regen fällt, 2001): silberne Eimer, die in unterschiedlichen Höhen von der Decke hingen, und aus denen langsam Wasser in weitere Eimer auf dem Galerieboden tröpfelte. Die abgehängten silbernen Gefäße ließen an die poetische Stimmung von Andy Warhols Silver Clouds (Silberwolken, 1966) denken, während die um den Pavillon angelegten Gärten – die durch die Fenster des Ausstellungsraum sichtbar waren – die Anklänge dieses Werks an thematische Auseinandersetzungen mit der Nachhaltigkeit natürlicher Ressourcen verstärkten. Nach einigen Stunden waren die auf dem Boden stehenden Eimer voll­getropft und mussten von einem Galerieangestellten geleert werden, um die Fortsetzung der zyklisch angelegten Performance der Arbeit zu gewährleisten.

Rivane Neuenschwander, Chove chuva (Regen fällt), 2001

Für Yangs Series of Vulnerable Arrangements – Seven Basel Lights (Serien verletz­licher Arrangements – Sieben Basel-Lichter, 2007) wurden sieben Tropfständer für intravenöse Infusionen der menschlichen Gestalt angenähert, indem sie mit bunten Lichtern, Schnüren und einem Arrangement aus Perlen, glückbringenden Armbändern, Netzen und Lametta behängt wurden. Ein Duft­erzeuger in der Ecke des Raums ließ einen an in Kaufhäusern eingesetzte Beruhigungstechniken denken – er stimmte die Betrachter aber auch auf das Schauspiel der langsam blinkenden Farblichter ein. Im Zentralraum des Pavillons fanden sich Neuenschwanders Anonymous Dialogues (Anonyme Dialoge, 2010) und Yangs Zusammenarbeit mit dem deutschen Künstler Peter Lütje, Engagierte Schönheit (2005), gegenübergestellt. Neuenschwanders Arbeit besteht aus gerahmten Schreibmaschinenzeichnungen einfacher Bildmotive wie Bäume, Autos und Insekten sowie aus banalen Texten wie „IN JESUS WE TRUST“ und „FUTURE?“, die von Besuchern ihrer vorherigen Ausstellungen unter alleiniger Verwendung der Zahlen und Interpunktionszeichen auf der im Ausstellungsraum zugänglichen Schreibmaschinentastatur geschaffen wurden. Yangs und Lütjes Arbeit reflektierte künstlerische Autorschaft auf ähnliche Weise: Hier waren als Hommage an Neuenschwanders geheimnis‑volle Behandlung von Fundstücken kleine Stapel anscheinend beziehungsloser antiquarischer Bücher zusammengebunden.

In Anknüpfung an den mit der Ausstellung Escaping Things and Words (Den Dingen und Wörtern entfliehen, Kunstverein Lingen, 2011) begonnenen Dialog, legte diese Schau einen performativen Ansatz im Umgang mit den Dingen offen – um Peter Fischlis und David Weiss’ Videoarbeit Der Lauf der Dinge (1987) zu paraphrasieren. Im oberen Teil des Pavillons bot Neuenschwanders The Fall (2009) ein überzeugendes Beispiel dafür, wie auf einfachen Prozessen basierende Kunstwerke zu differenzierten Ergebnissen führen können. Dieser 15-minütige Videoloop zeigt ein Ei, das auf einem Löffel durch einen nur unscharf zu erkennenden Wald getragen wird. Das Geräusch der langsamen Schritte auf dem Waldboden vermischt sich mit dem Geräusch des gegen den Metalllöffel schlagenden Eis – zusammen erfüllen beide Geräusche den Raum mit einem hypnotisierenden Rhythmus und versetzen den Betrachter probeweise in die Position des unsichtbaren Protagonisten, der das Ei trägt. Hier verdichten sich die der Ausstellung zugrunde liegenden Themen sehr schön, indem nicht nur eine Faszination für die materielle Präsenz von Kunstobjekten hervorgekehrt wird, sondern auch ein Interesse an der möglichen Performativität einer Betrachterbeteiligung. In ihrer Balance zwischen formalen Betrachtungen und Theatralik legte die Ausstellung Zeugnis von Neuenschwanders und Yangs gemeinsamen Interesse an einer stilistischen Harmonie ab, die ihre vermeintlichen kulturellen Unterschiede hinter sich zu lassen vermag.

Übersetzt von Clemens Krümmel

—von Wes Hill