Wiels Centre for Contemporary Art
Rosemarie Trockel, links: Studio 45: Haus für Läuse, 1994, rechts: Ohne Titel, 2005
Wo ist Rosemarie Trockel? Als ich ihre Ausstellung Flagrant Delight (Unverhohlene Freude) im Wiels verließ, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass hier etwas fehlte. Trockels vielfältiges Werk widersetzt sich bewusst allen Versuchen, es durch übergreifende Definitionen zu fassen. Mit einer neuen Phase ihres Schaffens reagiert sie oft auf die vorangegangene – egal ob in Form von Collagen, Skulpturen, Zeichnungen, Gemälden, Videoarbeiten oder Texten. Der hier gezeigte Überblick – die Auswahl der auf drei Etagen gezeigten Werke erfolgte durch die Künstlerin und den Direktor Dirk Snauwaert – umfasste 130 Arbeiten aus ihrer facettenreichen künstlerischen Laufbahn, ließ die Videoarbeiten allerdings außen vor.
Und angesichts der konzeptionellen und materiellen Spannbreite der Ausstellung fragte ich mich unweigerlich, ob ich vielleicht in all dieser Fülle auf der Suche nach dem Wesen, nach Sinn und Verstand von Trockel war, um besser zu verstehen, warum ich mich ihrem Werk so intensiv verbunden fühle.
Zum Thema Leerstelle muss man feststellen, dass der menschliche Körper bei Trockel selten intakt vorkommt. Gliedmaßen, Gesichter, Köpfe existieren vielmehr als separate Objekte, als etwas sonderbare oder deformierte eigenständige Einheiten. Ohne Titel (2005) – ein Tonkopf mit einer Augenmaske unter einer schmuddeligen blonden Perücke – wurde mit anderen skulpturalen Arbeiten im ersten Raum der Galerie ausgestellt. Die Arbeit befand sich in einer Wandvitrine aus Plastik neben einer gleichartigen Vitrine mit einer ähnlichen, allerdings halbierten Perücke: Studio 45: Haus für Läuse (1994). Doch ungeachtet der surrenden Anklänge (und dem Gedanken an abgeschlagene Köpfe) musste man beim Anblick eines Lufthansa-Logos auf der Maske unweigerlich lachen. Ganz in der Nähe stand im Tageslicht Ohne Titel (2006), ein kleines silbern glänzendes Keramikbein mit Lametta oben herum. Aus dem Knie wächst eine klobige, penisartigen Form heraus, während am anderen Ende ein kindlich-anmutiger Fuß glitzert. Dieses menschliche Bein stand auf einem kanariengelben Metalltisch mit etwas dünneren Beinen; eines davon seinerseits bestehend aus zwei weiteren, sich überlappen‑den Beinen, die in der Mitte durch eine Schiene verbunden sind. Letztlich war fast jedes der gezeigten Werke durch eine Leerstelle, durch fehlende, missgebildete Bestandteile geprägt.
Es ist immer schön, wenn Trockel gemein wird. Und lustig. Am besten natürlich beides zugleich. In der nächsten Abteilung kam man in den Genuss dieser Kombination. Hier stand eine Reihe von Skulpturen, die einen absurden Humor versprühten. Der Schaumstoff-Ofen (1989) – eine auf beiden Seiten weiß gestrichene Sockelplatte aus Schaumstoff – schien mitten in der Luft zu schweben und „Quetsch mich! Quetsch mich!“ zu rufen (bis man sich bückte und sah, dass sie wackelig auf einem Stück Plexiglas stand, das als Sockelleiste diente). Ohne Titel (2000), ein Kupferkasten mit neun Heizplatten, die an eine Stromquelle angeschlossen sind, lässt den Betrachter aufgrund der intensiven Hitzewelle, die von ihnen ausgeht, unweigerlich einen Schritt zurücktreten. Das Gefühl von Gefährdung und Aggression, das diese beiden Arbeiten erzeugen, wurde durch die Wahl der Materialien (weicher Schaumstoff und Mädchenherd) ins Lächerliche gezogen – vielleicht ein Seitenhieb auf den wirklich harten, gefährlichen Macho-Minimalismus à la Richard Serra. Gegenüber war eine Serie von Papierarbeiten, einige im Stil von Zeitschriften-Covern, auf Regalen zu sehen – eine weitere Beschäftigung mit der politischen Dimension von Gender und Sexualität, die in so vielen Arbeiten Trockels eine Rolle spielt. Zugleich wurden hier die Kunstwelt und die Massenmedien parodiert – in Ich bin Dan Graham (1992) beispielsweise, dem fingierten Cover einer Zeitschrift mit dieser Schlagzeile über einem Schwarz-Weiß-Foto von Trockel.
Trockels bekannte maschinengestrickte Bilder aus den 1980er Jahren fehlten in dieser Ausstellung. Stattdessen wurden einige jüngere Wollarbeiten gezeigt, darunter Danger (Gefahr, 2012): ein „Gemälde“ aus dicker gelber Wolle, die um die Leinwand gewickelt ist. Direkt daneben fanden sich entsprechende Werke mit schwarzer Wolle, gefolgt von einer Reihe von Keramiken, etwa Ohne Titel (2012), einer Arbeit, die man vielleicht am besten als gedärmartigen Haufen Keramik-Scheiße beschreiben kann. Unter der schmutzig-braunen Farbe schimmerte etwas Weiß hervor. Dann: noch mehrere solcher „Haufen“. Zu guter Letzt fand man sich in einer Etage wieder, die komplett einer umfangreichen Serie von Collagen gewidmet war, die Trockel in den letzten zehn Jahren geschaffen hatte. Ähnlich wie Hannah Höchs dadaistische Montagen kommen diese Werke mit einfachsten Mitteln aus, haben aber einen gewissen surrealen Humor und sind von düsterer Schönheit, zuweilen auch von Grausamkeit. Olympic Sausage (Olympische Wurst, 2008) zeigt eine Frau in einem beigen Body, mit dem Gesicht nach unten liegend, die roten Haare sind um ihren Kopf aufgefächert; auf Nobody will Survive 2 (Niemand wird überleben 2, 2008) ist ein riesiges Auge über die Gesichtszüge einer Frau geheftet. Sie wirkt wie ein einäugiger Zyklop, der hier gerade hinter einem glitzernden Theatervorhang vortritt. In beiden Werken erscheint die Frau verborgen oder eingeschränkt; jede der Collagen war in einem Rahmen ausgestellt, verschraubt mit einem Deckel aus Plexiglas, als sollte das Material darin eingeschlossen werden.
Die Ausstellung war so umfangreich, dass hier nur ein Bruchteil ihrer Werke erwähnt werden kann. Es fällt schwer, von einer Retrospektive zu sprechen – ein Konzept, dem sich Trockel bekanntlich ohnehin verweigert. Man könnte eher sagen, die Ausstellung habe jene Aspekte ihres Schaffens in den Blick genommen, die sich unmittelbar mit der Materialität der Arbeiten auseinandersetzen, und für die die Künstlerin mit großer psychologischer und konzeptioneller Stringenz vorgeht, gepaart mit einer besonderen Pop-Sensibilität. Hätten Louise Bourgeois, Donald Judd, Hannah Höch und Andy Warhol ein gemeinsames Kind, es hieße Rosemarie Trockel. Möchte man einen roten Faden benennen, so jenes eingangs beschriebene Gefühl der Abwesenheit. Viele Arbeiten ließen mich mit der Frage zurück, was Trockel alles bewusst zur Seite gelassen hat, um ihren thematischen Kern zur Geltung zu bringen oder herauszudestillieren. Vielleicht ist die Frage weniger „Wo ist Rosemarie Trockel?“, sondern vielmehr „Wonach sucht sie eigentlich?“
Übersetzt von Michael Müller
—von Kathy Noble