Teresa Burga

Stuttgart, Deutschland

Württembergischer Kunstverein

Teresa Burga, Ohne Titel, 1967

In letzter Zeit schien es, als seien sich auch der Kunstmarkt und die Museen endlich des demographischen Wandels bewusst geworden. Nachdem die ubiquitären „Young Artists from…“ abgefrühstückt worden waren, suchte man nach neuen Nischen – und entdeckte die Senioren. Bei dieser bis dato vernachlässigten, obschon stetig wachsenden Minoritätengruppe tat sich eine Markt- und Rezeptionslücke auf, die lukrativ gefüllt werden konnte. Dabei wurden vor allem ältere Künstlerinnen – mit Gewinn neu- oder wiederentdeckt, etwa die kubanische Malerin Carmen Herrera oder die amerikanische Fotografin Barbara Kasten. Diese Retrospektive präsentierte mit Teresa Burga ebenfalls eine zumindest im ehemaligen Westen völlig unbekannte Künstlerin älteren Jahrgangs.

Doch wer hier nur eine strategische Marktsektorenerweiterungskampagne im Windschatten des Methusalem-Komplotts witterte, lag falsch. Mit Burga war das Direktorenduo aus Iris Dressler und Hans 
D. Christ erstmals im Jahr 2009 über die Kunstvereins-Ausstellung „Subversive Praktiken: Kunst unter Bedingungen politischer Repression, 60er-80er, Südamerika/Europa“ in Berührung gekommen. 
In der von Dorota Biczel, Miguel A. López und 
Emilio Tarazona kuratierten Ausstellung „Die Chronologie der Teresa Burga: Berichte, Diagramme, Intervalle“ erwies sich die 1935 in Iquitos, Peru geborene und nun in Lima arbeitende Burga als eine derart vielseitige, intelligente und ironische Grenzgängerin zwischen Pop Art, Installations- und Konzeptkunst, dass die landläufigen Zweifel an der Stichhaltigkeit der wertenden Unterscheidung zwischen „Zentrum“ (etwa New York) und „Peripherie“ (hier: Lima) neue Nahrung bekommen.

Gleich im ersten Saal gab es ihre Pop Art aus den 1960er Jahren zu sehen, deren schrillbunter Anti-Modernismus beim wohlfeil konditionierten Betrachter Assoziationen an die britische Independent Group oder amerikanische Popisten wie Andy Warhol wach werden ließ. So wirkten das gezeigte Environment sin titulo (ohne Titel, 1967) sowie Reproduktionen weiterer verschollener Environments mit ihren popkulturell getränkten Wohnräumen auf den ersten Blick wie Repliken auf die Collagen eines Richard Hamilton. Tatsächlich aber ließ sich Burga eher von argentinischer Pop Art inspirieren – das ist Wasser auf die Mühlen der „Komparativen Kunstgeschichte“ des polnischen Kunsthistorikers Piotr Piotrowski, der zufolge „universelle“ Stile in unterschiedlichen geographischen Kontexten starke Eigendynamiken entfalten. Burgas Pop Art ist beim genaueren Hinsehen zudem feministisch geprägt, etwa wenn sie ihre Frauenfiguren auf pure Oberflächen reduziert (sin titulo, ohne Titel, 1967) oder sie in brutalstmöglicher Flächigkeit auf ein Bett presst, wo sie mit der Matratze zu verschmelzen scheinen (sin titulo, ohne Titel, 1967).

Viele ihrer auf Diagrammen und soziologischen Studien basierenden Arbeiten aus den 1970er und 80erJahren sind da vordergründig asketischer, serieller, strukturalistischer. Burga fertigte unter anderem Zeichnungen an, bei denen sie säuberlich vermerkte, wie viel Zeit sie für die jeweiligen Linien benötigte ( „sin titulo“, ohne Titel, 1972–74). Oder sie veranschaulichte schon 1980–81 das mit soziologischen Methoden erstellte Perfil de la Mujer Peruana (Profil der Peruanischen Frau) durch pseudowissenschaftliche Grafiken und bunte Visualisierungen von Gehirnströmen. Schnell wird klar, dass Burga das Konzeptuelle am liebsten durch Konzeptuelles dekonstruiert, gleichsam mit den Waffen des braven Soldaten Schwejk Statistik gegen Statistik, Diagramm gegen Diagramm wendet: Affirmation ist Subversion.

Am bemerkenswertesten jedoch ist, dass Burga Konzeptkunst zu keinem Zeitpunkt als blutleere Askese zelebrierte. Sie zeigte sich in dieser Ausstellung als überaus talentierte, lustvolle Zeichnerin und Collagistin, die Formen weder platonisch verbrämt noch vor humorvollen Magritte’schen Denksportaufgaben zurückschreckt. Ihre Konzeptkunst wirkte so smart und nonchalant, dass man versucht war, einen Neologismus einzuführen: Konchalance.

—von Jörg Scheller

Jörg Scheller ist Kunsthistoriker, Journalist und Musiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Universität Siegen.