Tomma Abts

Düsseldorf, Deutschland

Kunsthalle Düsseldorf

Tomma Abts, Feye, 2006

Wer die Arbeiten von Tomma Abts in dieser Ausstellung zum ersten Mal zu Gesicht bekam, fand die altbekannte Tatsache bestätigt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man Gemälde in Reproduktionen oder im Original betrachtet. Der dynamische Wirbel der Jahrmarktsfarben in Tys (2010), einer Arbeit, die auf Führer und Plakat zur Ausstellung abgebildet war, wirkt auf Papier eher flach. Die leichte Modulation der Farbtöne und die Textur des Farbauftrags lassen das Bild im Original dagegen auf verblüffende Weise zum Klingen bringen – und sorgten so schon beim ersten Blick 
für eine Überraschung.

Von den zehn gezeigten Gemälden, die in den Jahren 2003 bis 2010 entstanden sind, zeichnet sich Tys durch das am klarsten definierte Muster aus. Der besondere Reiz dieser Arbeit liegt vielleicht in ihrer leicht verschobenen symmetrischen Struktur begründet. Horizontale Linien führen hinter einem Windrad aus konischen Formen, die um einen Fluchtpunkt in der Bildmitte zu kreisen scheinen, schräg in die Tiefe. Diese Gegensätze – horizontal und konisch, flüchtend und rotierend – versetzen das 
Bild in eine Schwingung, die den Betrachter dazu verleitet, die Bildbestandteile von weitem und ganz aus der Nähe in Augenschein nehmen zu wollen. Solche visuelle Subtilitäten können nur unmittelbar vor dem Gemälde erfahren werden.

Fluchtpunkte spielen in verschiedenen Gemälden eine Rolle. Alle sind zudem in Abts’ konsequent verwendetem Standardformat von 48 × 38 Zentimeter gehalten und in Öl und Acryl ausgeführt. In Feye (2006) strahlen Linien von der Bildmitte aus, gestört nur durch eine zackige Formation, die das Bild wie ein Blitz oder Riss durchzieht. Bei Feio (2007) scheint sich eine rot-weiß gestreifte und zielscheibenartige Struktur in die Tiefe 
zu schrauben, wird aber von den spitz zulaufenden blaugrünen Linien dreier Dreiecksformen durchdrungen. Sie durchstechen aus schrägen Winkeln die Rundungen der Scheibe und scheinen den Lauf der Spirale zu blockieren, ihren Rhythmus auszuhebeln. Diese Bewegungsillusionen bewahren Abts‘ Arbeiten sowohl davor, statisch und wirkungslos als auch einfach nur repetitiv zu werden. Es gelingt ihr, Bilder zu schaffen, die sich unaufhörlich zu verschieben, zu wandern scheinen, und die das 
Auge in ihren Bann ziehen, ganz wie eine musikalische Harmonie das Ohr erreicht 
und es zum Hinhören bringt.

So kompakt das Format dieser Arbeiten ist, so wenig verloren wirkten sie im weiten Hauptsaal der Kunsthalle in Düsseldorf, wo Abts seit 2010 als Professorin lehrt. Im Emporensaal, von dem aus man diese große Halle einsehen kann, waren 17 Arbeiten auf Papier zu sehen (darunter ein Blatt von 1997), die erstmals zusammen mit ihren Gemälden ausgestellt waren. Folgt man der Website der Kunsthalle, sind dies Blätter, die „seit Jahren parallel zu ihren Leinwänden entstehen und die Erforschung von Linie, Fläche und Raum in filigrane Kompositionen umsetzen.“ Schon oft allerdings hatte Abts erklärt, dass sie keine vorbereitenden Arbeiten verwendet. Die Gemälde selbst geben Einblicke in ihre Arbeitsweise, die sich nicht zuletzt an den vielen Farbschichten ablesen lässt, die bei jeder dieser Arbeiten sichtbar bleiben. Dass die Arbeiten auf Papier an der Wand ausgestellt wurden, nicht etwa unter Glas in einer Vitrine, ließ den Betrachter nicht ahnen, dass Abts auch ihre Leinwände zum Malen tatsächlich auf einen Tisch legt. Die Arbeiten auf Papier wurden als eigenständige Werke präsentiert, und bei einigen von ihnen hat man tatsächlich den Eindruck, dass sie den Gemälden keineswegs nachstehen. Ohne Titel (2008) – ein weißes Quadrat, das in der Mitte eines fast leeren Blattes durch einen mit Bleistift und Aquarell angelegten Rahmen gebildet wird, der aus Formen in leuchtenden Farben besteht – ist in seiner Schlichtheit ebenso überzeugend wie jedes ihrer Gemälde.

Auch wenn sich die Ausstellung stark beschränkte, so kam Abts‘ subtiles malerisches Können doch zur Geltung. Es wird offensichtlich, dass es ihr gelungen ist, eine Balance zwischen der Methodik des Handwerklichen und der Beibehaltung eines intuitiven Moments zu finden – und damit auch zu beweisen, welche Vorzüge das unbeirrbare Festhalten an einer Methode gegenüber wechselnden Arbeitsweisen hat, mit denen ein Künstler sich abmüht, einen Stil zu entwickeln. Angesichts der Überzeugungskraft ihrer Gemälde verblieb man mit dem Gefühl, dass diese Ausstellung um weiterführende Einblicke in den besonderen Produktionsprozess dieser Künstlerin – eben genau zwischen Handwerk und Intuition – gut hätte ergänzt werden können.
Übersetzt von Michael Müller

—von Saim Demircan